Die Berliner Schloßbrauerei AG – eine Tochtergesellschaft der Berliner Kindl Brauerei AG, die sich ihrerseits über die Bank für Brauindustrie AG, Frankfurt, und das Bankhaus Hermann Lampe KG, Bielefeld, im Mehrheitsbesitz der Oetker-Gruppe befindet – hat mit dem Ende ihres Geschäftsjahres 1958/59 (30. 9.) als selbständige juristische Gesellschaft zu existieren aufgehört. Sie wurde auf Beschluß der Hauptversammlung wie viele andere Kapitalgesellschaften in diesen Wochen auf Grund des Umwandlungsgesetzes ohne Liquidation auf die Muttergesellschaft übertragen. Die 50 000 DM, die sich von dem gesamten Aktienkapital von 1,8 Mill. DM noch nicht bei der Muttergesellschaft befanden, hat „ein nahestehender Aktionär“ mit einem Aufschlag von nur 50 v. H. zuvor an Berliner Kindl verkauft. Das bisher selbständige Unternehmen, das sich in den letzten Jahren nicht nur in Westberlin, sondern auch im Bundesgebiet mit seinem „Bärenbier“ einen wachsenden Verbraucherkreis geschaffen hat – im letzten Geschäftsjahr wurden 124 000 (i. V. 116 000) hl Bier in Berlin und 37 400 (32 800) hl im Bundesgebiet abgesetzt –, soll als eigene Betriebsstätte unter der Bezeichnung „Berliner Bären-Brauerei“ und mit ihrem eigenen Produktions- und Vertriebsprogramm bestehenbleiben.

Dies ist etwa der wesentliche Inhalt der Mitteilung der Verwaltung, mit der sie dieser Tage die Presse und die Berliner zunächst überraschte. Der Beobachter einer in den letzten Monaten geradezu hektisch umwandlungsfreudigen Entwicklung legt auf den ersten Blick die üblichen Maßstäbe an: „Ausbooten“ der freien Aktionäre? Der „nahestehende“ Paketbesitzer, hinter dem sich kaum verhohlen der Chef des Hauses Oetker verbirgt, dürfte nicht der Partner für derartige Manipulationen sein. „Flucht“ in die Anonymität oder mindestens in die äußerst bescheidene Publizität? Eine deutsche Großbrauerei, die in einer größeren AG des gleichen Gewerbezweiges aufgeht, die außer dem Mehrheitsaktionär noch über rd. 48 v. H. breit gestreute Anteilseigner verfügt, läßt sich nicht ohne weiteres „verstecken“ – und bot auf Grund ihres Geschäftsganges auch keinen erkennbaren Anlaß dazu. Der Gedanke, daß etwa eine kranke Mutter durch die „Bluttransfusion“ ihrer kerngesunden Tochter saniert werden sollte, wäre in diesem Falle absurd.

Die hier umgewandelte Gesellschaft scheint, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ausnahmsweise nicht dem Götzen „Konzentration“ geopfert worden zu sein. Das 1871 gegründete Vorstadtunternehmen war mit der Größe und Bedeutung der Stadt gewachsen – nach dem zweiten Weltkrieg und der Spaltung der Stadt aber nur zu einem kümmerlichen, von Trümmern und Verlusten markierten Daseinwiedererwacht. In diesem Zustand wurde sie 1954 von der Berliner Kindl Brauerei erworben, die damals schon eine wichtige Etappe ihrer zwar keineswegs mühelosen, aber doch von einigen glücklicheren Umständen begleiteten Nachkriegsgeschichte hinter sich gebracht hatte. Ein Verlustvortrag von rd. 0,6 Mill. DM, das Fehlen jeglicher Reserven und einige andere Momente trübten das Bilanzbild; eine altertümliche und unrationell arbeitende und leistungsschwache Braustätte war das Betätigungsfeld der dort einziehenden Kindl-Leute.

Die letzte Bilanz weist nach fünfjährigem, finanziell mit bescheidenen Mitteln betriebenem Wiederaufbau außer dem AK Rücklagen von 0,7 Mill. DM und einen Gewinn einschließlich Vortrag von rd. 57 000 DM aus und bei einem Bilanzvolumen von 9,1 Mill. DM Anlagen im Buchwert von 5,1 Mill. DM, Verbindlichkeiten von 3,6 Mill. DM. Aber schon dieser erste Schein trügt: Anlagen und Verbindlichkeiten enthalten Posten im Gesamtwert von rd. 1,8 Mill. DM, die erst in den letzten Monaten des Geschäftsjahres durch eine Finanzhilfe der weitaus liquideren Muttergesellschaft entstanden sind. Sie sind – und das ist das Besondere an dieser Umwandlung – der Ausdruck einer günstigen und erfolgversprechenden Entwicklung der Brauerei, aus der die Verwaltung die Folgerung gezogen hat: hier lohnt ein größerer Einsatz, zumal Neuinvestitionen in Westberlin seit dem letzten Frühjahr den einzigartigen Steuervorteil genießen, unter gewissen Umständen schon im Anlagejahr zu 75 v. H. abgeschrieben zu werden. Die 1,8 Mill. DM sind zur Abrundung des Grundbesitzes und für die erste Rate zum Neubau einer modernen Großbrauerei verwendet worden. Dennoch schließt die Umwandlungsbilanz mit einem Umwandlungsgewinn von fast 1,5 Mill. DM ab, der als steuerfreie Sonder-„Mitgift“ in die Kindl-Bilanz eingehen wird. Die Verwaltung verspricht sich von dieser Konzentration nicht nur den üblichen Rationalisierungserfolg, sondern auf längere Sicht eine Stärkung des gesamten Unternehmens, das künftig auf zwei stabilen „Beinen“ stehen wird. G. G.