Unter der Überschrift "Die Wiener Börse fand wieder Anschluß" berichten Sie, daß in Österreich das Zinsgefälle gegenüber dem deutschen Kapitalmarkt verschwunden ist. Gleichzeitig heißt es aber in dem zitierten Artikel, daß in Österreich eine Anleihe zur Finanzierung der Beseitigung von Hochwasserschäden mit einem Zinssatz von 6 v. H. aufgelegt worden ist. Nun finde ich zwar ein Verkaufsangebot der Stadt Oslo, 30 Mill. DM 5 1/2 prozentige Inhaber-Teilschuldverschreibungen zu übernehmen, zum Ausgabekurs von 96 v. H. recht günstig; aber ich glaube, die 6 -v -H.-Anleihen in Österreich bringen doch mehr.

St. K., z. Z. Bad Harzburg

Antwort: Grundsätzlich ist das Zinsgefälle Österreich–Bundesrepublik verschwunden. Die Konditionen der neuen Anleihe der Stadt Oslo mögen dieser Behauptung zwar widersprechen, aber man muß wissen, daß es sich hier um einen Sonderfall handelt. Die Konditionen sind für die Anleihenehmerin ohne Zweifel – legt man die gegenwärtige Situation des deutschen Rentenmarktes zugrunde – sehr günstig. Wahrscheinlich haben hier "höhere" Gesichtspunkte eine Rolle gespielt, auch Fragen des Prestiges. Man wird wohl auch annehmen können, daß die deutschen Konsortialinstitute gegen andere ausländische Finanzgruppen konkurrieren mußten. Also wie gesagt – die Anleihe der Stadt Oslo ist kein Maßstab für die Verhältnisse bei den festverzinslichen Werten.

Seit Anfang November sind die deutschen Emittenten gezwungen, bei ihren Neu-Emissionen höhere nominale und effektive Verzinsungen zu bieten. Das hat sich auf die bereits emittierten niedriger verzinslichen Anleihen entsprechend kursdrückend ausgewirkt. Nach einer Berechnung des Bankhauses Merck, Finck & Co., München, das gerade eine ausgezeichnete Übersicht über den deutschen Rentenmarkt herausgebracht hat, liegt die durchschnittliche jährliche Effektivverzinsung für inländische Rentenwerte etwa bei 6,00 bis 6,30 v. H.

Auf dem speziellen Markt der steuerfreien und steuerbegünstigten Obligationen und deutschen Auslandsbonds haben sich die Kurse für 4prozentige steuerfreie Pfandbriefe auf ca. 103 v. H., für 5prozentige steuerfreie Pfandbriefe auf ca. 112 1/2 v. H. und für 5 1/2prozentige steuerfreie Pfandbriefe auf ca. 113 1/2 v. H. ermäßigt. Der für Anleger mit relativ hoher Steuerbelastung interessante Markt dieser Papiere gewährt dadurch heute bei einer angenommenen Ertragsteuerbelastung von 50 v. H. dem Käufer eine vergleichbare steuerpflichtige Effektivverzinsung von etwa 8 3/4 v. H. p. a., statt etwa 8 1/4 v. H. p. a. noch vor einem halben Jahr.

Die verbreitete Befürchtung, daß hochverzinsliche Anleihen nach Ablauf der Unkündbarkeitsfrist gekündigt werden, ist zwar durch die Erhöhung des Kapitalmarktzinses nicht mehr so aktuell. Doch beweisen die jüngsten Kündigungen bzw. Mehrauslosungen bei 8prozentigen und 7 1/2prozentigen Papieren, daß mit dieser Möglichkeit auch jetzt noch gerechnet werden muß. Überlegungen, rechtzeitig aus solchen Werten niedriger verzinsliche Papiere umzusteigen, um größeren Kurseinbußen vorzubeugen, sind also auch heute noch am Platz, meint das Bankhaus Merck, Finck & Co.

Es heißt in dem Bericht weiter: "Mit dem Ansteigen des inländischen Kapitalmarktzinses ist wieder eine Annäherung an das Zinsniveau anderer europäischer und überseeischer Länder eingetreten. Damit ist es für deutsche Anleger weniger interessant geworden, ausländische Rententitel aus Rentabilitätsgründen in ihre Kaufüberlegungen einzubeziehen. Ausländische Neu-Emissionen mit einer nominalen Verzinsung von 6 1/4 v. H. (Österreich) oder 5 3/4 v. H. (Kanada) üben heute nicht mehr die anziehende Kraft aus wie vor einigen Monaten; neuere deutsche Emissionen mit verzinslicher Wertpapiere waren in den vergangenen Jahren – neben den üblichen Kapitalsammelstellen – in großem Ausmaß die Sparkassen, die – ebenso wie alle anderen Kreditinstitute – jetzt höhere Mindestreserven zu unterhalten haben, infolgedessen nunmehr über einen geringeren Anlagespielraum verfügen. Da sie keine Einschränkungen im eigenen Hypothekengeschäft vornehmen werden, dürften sie weniger Rentenwerte in die Portefeuilles hereinnehmen. Wie aus Bankkreisen zu hören ist, hat die Nachfrage von Sparerseite nach Rentenpapieren eher nachgelassen, nicht zuletzt eine Folge der 6 v. H. (Pfandbriefe) und 5 1/2 v. H. (Industrie- und öffentliche Anleihen) Nominalzins können sich zur Zeit wieder mit ihnen messen. Lediglich sehr attraktiv ausgestattete Emissionen erster ausländischer Adressen haben hier noch größere Placierungschancen."

Der beste Beweis für unsere Behauptung dürften wohl die Konditionen der neuen 500-Mill.-DM-Bundesanleihe sein, die mit einem Zinsfuß von 6 v. H. herauskommt, Ausgabekurs 98 v. H. – Die Rendite der Anleihe beträgt durchschnittlich 6,36 v. H. Die Ende des vergangenen Jahres emittierte Bundesanleihe konnte noch zu einem Zins von 5 1/2 v. H. untergebracht werden.