A. D. und Dr. Ding-Schuler hörten allein und atemlos die Nachrichten ab, die davon Kunde gaben, daß der Vormarsch der Amerikaner im Raum von Eisenach wieder aufgenommen worden war. A. D. meinte, nun sei es aber Zeit für Dr. Ding-Schuler. Und Dr. Ding-Schuler entschloß sich. Er verabschiedete sich von A. D., sogar mit einer gewissen Rührung. Er ging. A. D. mußte nun daran denken, wie er sich ohne seinen SS-Vorgesetzten einrichten sollte. Er war schon im Begriff, sich zur-, illegalen Leitung zu begeben, da sah er Dr. Ding-Schuler vom Tor her zurückkommen. A. D. machte erschrocken dem Arzt Vorwürfe: Nach einer alten Gefangenenregel geht ein Mann, der sich schon verabschiedet hatte und nun doch noch einmal zurückkehrte, in sein Unglück.

Dr. Ding-Schuler erklärte, warum er noch einmal umgekehrt sei. Am Tor war er beim Rapportführer eingekehrt, und der hatte ihm eine Liste gezeigt, auf der er an zweiter Stelle den Namen A. D.’s erblickt hatte. Als er sich vorsichtig erkundigte, erfuhr er, daß ein Häftling eines Außenlagers, ein gewisser Duda, der vorher längere Zeit in der Isolierstation gearbeitet hatte, einen Fluchtversuch unternommen habe. Der Mann war wieder geschnappt worden und hatte in seiner Angst nicht weniger als 46 Namen von Häftlingen genannt, die nach seiner Behauptung einer illegalen Verschwörung angehörten. Offenbar war Duda der fürchterlich irrtümlichen Hoffnung erlegen, er könne durch diese Angabe sein Leben retten. Er wurde sofort hingerichtet, der Liste mit den Namen aber wurde der Befehl hinzugefügt, die dort genannten Häftlinge unter allen Umständen sofort zu erledigen.

Todeskandidaten verschwanden

Dr. Ding-Schuler wollte A. D. retten. Aber auf die Frage, was nun zu geschehen habe, zuckte der Arzt zurück, erklärte, er könne nicht mehr tun, als warnen. Nun müsse A. D. selber zusehen, wie er sich fünf Minuten vor Zwölf rette. Und damit ging Dr. Ding-Schuler endgültig. Am Ende seines Weges stand übrigens der Selbstmord.

A. D. eilte zur illegalen Leitung. Die Hiobspost schlug ein wie ein Blitz. A. D. wußte auch nicht mehr, als daß sein eigener Namen auf der Liste stand. Aber die sture Bürokratie der SS ermöglichte das weitere: Auf dem üblichen Wege gelangte eine Liste mit 46 Namen an die Häftlings-Schreibstube mit der Weisung, die dort genannten Häftlinge hätten beim nächsten Morgenappell an Schild 2 anzutreten. An Schild 2 wurden gewöhnlich Häftlinge zwecks Entlassungsbefragung durch die "Politische Abteilung" bestellt. Inzwischen hatte der illegale Apparat gearbeitet, und in der Häftlings-Schreibstube erwartete man mit Spannung, ob der Rapportführer eine Liste mit 46 Namen schicken oder ob die 46 Häftlinge beim nächsten Morgenappell durch den Lautsprecher aufgerufen würden. Alles atmete nun auf, als die Liste kam und man endlich wußte, wer die 46 waren. Es handelte sich größtenteils um "alte Lagerhasen", jene Garde, die schon seit langen Jahren inhaftiert waren und als Mitglieder Widerstandsgruppen angehörten.

Sofort wurden alle auf der Liste aufgeführten Häftlinge benachrichtigt. Es wurde beschlossen, daß diese "untertauchen" mußten. Sie traten beim Appell nicht an; sie verschwanden. Niemand kam zum Schild 2. Anfragen vom Tor konnte der Lagerälteste nur mit dem Hinweis beantworten, die einzelnen Zettel mit dem Befehl seien von der Schreibstube routinemäßig auf die einzelnen Blocks überbracht worden. Wo die genannten Häftlinge geblieben seien, sei unbekannt.

A. D. versteckte sich zunächst zusammen mit Otto Kipp, dem zweiten Revierkapo, Arthur Gadzinski und Jan Schalker unter eine: Baracke im Häftlingskrankenhaus. Sie rissen den Dielenboden auf und ließen sich in eine ‚Häftlingspflegerstube‘ hinunter, bewaffnet mit Eisenstangen. Hinterher wurden die Dielenbretter wieder festgenagelt, so daß nichts zu erkennen war.