Von Theo Sommer

Auf der Liste der Begnadigten stand eine bunte Gesellschaft verzeichnet. Ein mongolischer Kommandeur, der mit den Japanern zusammengearbeitet hatte, ein früherer Bürgermeister von Peking, eine Reihe ehemaliger Tschiang Kaischek-Generäle – insgesamt 33 "Kriegsverbrecher" nebst 25 "Rechtsabweichlern", die vor wenigen Jahren erst, während der Hundert-Blumen-Kampagne, in Acht und Bann getan worden waren. Ihnen und noch 1200 "Konterrevolutionären sowie Gemeinverbrechern" schenkte ein Pekinger Gnadenerlaß im vorigen Monat die Freiheit. Auf der Liste der Kriegsverbrecher stand auch: "Aison Ghiorroh Pu Yi, Kaiser von Marionetten-Mandschukuo".

Pu Yi war freilich nicht nur mandschurischer Kaiser von Japans Gnaden. Die Welt hat vergessen, was nur noch die Geschichtsbücher berichten: Er ist der letzte Sohn des Himmels, Chinas letzter Kaiser Hsüan Tung. Zwei Jahre war er alt, als er 1908 auf den Drachenthron erhoben wurde. Aber die Woge der Revolution unterspülte schon die Fundamente des Thrones, und im Februar 1912 wurde das Namenssiegel des Sechsjährigen unter das Abdankungsedikt der Mandsdiu-Dynastie gesetzt: "Da wir, dem Beispiel unserer Ahnen folgend, das Wohl des Volkes anstreben, befehlen wir unsern treuen General Yuan Schi-kai, die Republik zu errichten".

Andere handelten damals für den Himmelssohn, zwangen ihm ihren Willen auf, nahmen sein Schicksal in die Hände. Und das hat sich Zeit seines Lebens nicht geändert. Immer blieb der letzte Mandschu Schachfigur auf fremden Brettern, immer wurde er umhergeschoben, berechnend eingesetzt, geopfert – nur die Spieler wechselten. Ob er den Purpur trug oder die Ballonmütze, stets blieb er Gefangener, erst hinter goldenen Gittern, dann hinter dem elektrisch umzäunten Gefängnis, jetzt im Käfig der partei-hygienischen Gedanken.

Freiheit? Pu Yi wird sie nicht mehr kennenlernen. Der Knabenkaiser von China, der zum Marionetten-Kaiser von Mandschukuo avancierte, ist nur noch der Schatten eines Menschen. Schatten sind ungefährlich, deshalb kann man sie entlassen. Und Schatten kennen keine Freiheit, auch keine Gedankenfreiheit. Für den Rest seines Lebens wird der Schatten Pu Yi gebunden bleiben an den "Großen Bruder" Mao Tse-tung, der ihn zehn Jahre lang der raffiniertesten Tortur unterwarf, die Menschen je ersonnen haben: der Gehirnwäsche.

Wir wissen aus den Berichten derer, die ihr entronnen sind, wie diese "Gehirnwäsche" vonstatten geht. Die körperliche Folter ist an diesem teuflischen System nur Beiwerk, die Angst davor wichtiger als die tatsächliche Anwendung. Vielmehr wird der Gefangene ununterbrochen seelischen Martern ausgesetzt, wird in Widersprüche verstrickt, in Angstzustände und Schuldkomplexe gestürzt, eingeflochten in ein Netz von Spitzeldienst und Bespitzelung, bis sein Gehirn das normale Funktionieren erstellt und "paradox" oder gar "ultraparadox" reagiert. Die eigentliche Tortur kommt so aus dem inneren des Opfers selbst, nicht von außen. Inquisitor und Folterknecht treten drei Schritte zurück: Der Gefangene quält sich selber, zerstört sich selber bis zum absoluten Persönlichkeitssturz.

Immer wieder müssen die Geschurigelten Lebensläufe schreiben, bis die letzten Verästelungen ihrer Seele, die verborgensten Motive ihrer einstigen Handlungen bloßliegen. Wie viele Lebensläufe hat Pu Yi wohl verfaßt?