In diesem Flügel waren tagsüber die Zellen- und Abteilungstüren nicht versperrt. Die inhaftierten Zeugen konnten miteinander verkehren. Und A. D. erlebte mit den anderen Zelleninsassen in Nürnberg das gleiche wie im Campound IV mit den Großindustriellen: Einstmals hochmögende Leute kamen nun, ihn, den „Kazettler“, zu besuchen und zu befragen. Wieder war er sozusagen der weiße Elefant. Man bestaunte ihn und sein Schicksal, und er gab Auskunft, nach bestem Wissen und Gewissen, Zeuge unter Zeugen.

Seine Zelle teilte A. D. mit einem der obersten SA-Gruppenführer, der fassungslos von seinen Erzählungen Kenntnis nahm, ungläubig zuerst, dann schwer bedrückt, als A. D. schlicht von jenen Männern des Sturmes mit der Nummer 33 berichtete, seine Narben vorwies und seine Glaubwürdigkeit durch eine genaue Darstellung von Details bewies. Schließlich gab dieser Obergruppenführer dem „Kazettler“ zu verstehen, er würde es als höchst achtenswert empfinden, wenn A. D. sich im Prozeß gegen die SA nicht als Zeuge melde – es habe doch keinen Zweck, im Schmutz herumzurühren. Nun, A. D. hatte keinerlei Ambition, sich als Zeuge zu melden. Für den Fall, daß er als Zeuge befragt werden sollte, wollte er jedoch nicht „im Dreck“, aber in der Wahrheit herumrühren, Pech oder Glück für Anklage oder Angeklagte, wenn sich die Wahrheit als Schmutz herausstellte oder nicht.

Tatsächlich war A. D., welcher natürlich annahm, als Zeuge für die Anklage verhaftet worden zu sein, wie es sich herausstellte, Zeuge für die Verteidigung. Gegen verschiedene, in der Zeit der nationalsozialistischen Regierung hochgestellte Mediziner war die Anklage erhoben worden, von den Fleckfieberversuchen des Dr. Ding-Schuler gewußt zu haben oder gar an ihnen beteiligt gewesen zu sein. Zeugen hatten ausgesagt, solche Personen seien in Buchenwald gewesen und gesehen worden. A. D. konnte der Verteidigung versichern, daß die genannten Personen tatsächlich nicht in der Isolierstation des Blockes 46 aufgetaucht waren; auch waren von Zeugen einige Ärzte benannt worden, die an der entscheidenden Sitzung, in welcher die Versuche beschlossen wurden, ebenfalls teilgenomlen hätten. A. D. berief sich auf seine genaue Kenntnis des von Dr. Ding in A. D.’s Gegenwart verbrannten „Geheim-Tagebuches“ und bestritt, die betreffenden Namen in der Notiz über die Sitzung als Teilnehmer aufgeführt gelesen zu haben. Das Tagebuch war gefälscht

Dabei stellte sich ein überaus interessantes Detail heraus: Der Anklage lag das angeblich von Dr. Ding verbrannte „Geheim-Tagebuch“ vor, es machte durchaus keinen verbrannten Eindruck. A. D. blieb mit Festigkeit bei seiner Aussage. Und dieser Aussage war es zu verdanken, daß zur großen Überraschung aller Beteiligten die Existenz zweier Geheim-Tagebücher bewiesen werden konnte: Das echte hatte Dr. Ding tatsächlich verbrannt. Aber der unselige Mann hatte, als ihm klargeworden war, wie sehr er belastet erscheinen mußte, in aller Stille ein zweites verfertigt, in welchem seine Rolle bei jenen Fleckfieberversuchen in minder verdächtigem Licht erscheinen mochte. – Und dieses Tagebuch war in die Hand der Anklage gelangt.

A. D. konnte verschiedene Angaben dieses zweiten Tagebuches als unrichtig beweisen – was wesentlich zur Entlastung einiger Angeklagten beitrug. Sachverständige untersuchten das der Anklage vorliegende Tagebuch und stellten aus der Beschaffenheit des Papiers, der Typen, der zur Niederschrift benutzten Schreibmaschine sowie des Farbbandes fest, daß das angeblich während einer Zeit von drei Jahren regelmäßig geführte Tagebuch in einem Zuge niedergeschrieben worden war.

A. D. war nun vernommen worden. Zu seiner Verwunderung wurde er von Nürnberg wieder nach Dachau transportiert, statt, wie er vermutet hatte, auf freien Fuß gesetzt zu werden. Und in Dachau kam er diesmal in den sogenannten „Gerichts-Bunker“, eine von den Amerikanern errichtete steinerne Anlage, in die alle jene gebracht wurden, denen sie den Prozeß machen wollten. Die Zellen dieses Baues waren so niedrig und eng, daß der Gefangene mit ausgestrecktem Arme sowohl Decken wie Seitenwände berühren konnte. An Stelle eines Fensters war an der Decke ein schmaler, langer Schlitz angebracht, der frische Luft eindringen ließ.

(Wird fortgesetzt)

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