Zuviel Lärm um die Reform der gesetzlichen Krankenkasse

Von Erwin Topf

Noch immer ist der kranke Arbeiter bei uns ungünstiger dran als der Angestellte, der im Krankheitsfalle sein Gehalt in voller Höhe weiter ausgezahlt erhält, und zwar mindestens für die Dauer von sechs Wochen. Der Arbeiter hingegen erhält, auch nach der Neuregelung durch das Gesetz über die Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, erst vom dritten Tage an das Krankengeld, das zwar jetzt günstigstenfalls den Lohnausfall ausgleicht, eventuell aber auch eine Einbuße an Einkommen bedeutet. Auch daß beim Bezug von Krankengeld eine zweitägige "Karenzzeit" für den Arbeiter gilt, ist ein historisches Relikt.

Hinlänglich bekannt ist, daß die Gewerkschaften eine möglichst weitgehende Gleichstellung aller Arbeitnehmer anstreben insbesondere, was die Leistungen aus der gesetzlichen Sozialversicherung angeht. Angesichts der Bedeutung, die der Deutsche Gewerkschaftsbund gerade diesem seiner Programmpunkte während der letzten Jahre stets beigemessen hat, ist es erstaunlich, wie wenig man jetzt, bei der kritischen Erörterung des Regierungsentwurfs über die Neuordnung der gesetzlichen Krankenversicherung davon hört.

Die Kritik am Entwurf, mag sie nun von gewerkschaftlicher, von ärztlicher oder von parteipolitischer Seite kommen, konzentriert sich merkwürdigerweise auf einen einzigen Punkt: die Frage der Selbstbeteiligung des Versicherten an den Arzt-, Arznei- und Krankheitskosten. Und diese Kritik übersieht offenbar geflissentlich, daß es, zum mindesten für die Pflichtversicherten aus dem Arbeiterstande, nach geltendem Recht eine Art Kostenbeteiligung des Kranken bereits gibt.

Prinzipiell das gleiche

Es gehört kein besonderes Maß an Scharfsinn dazu, um zu erkennen, daß es im Prinzip auf das gleiche hinausläuft, ob ein Versicherter, der seine Kasse nicht in Anspruch genommen hat, nach Ablauf des Jahres eine Beitragsrückvergütung (einen "Bonus") erhält, oder ob von ihm, im anderen Falle, eine Kostenbeteiligung verlangt wird: Sei es nun so, daß er vorweg eine bestimmte Summe als "Selbstbehalt" zu tragen hat – sei es, daß ihm nur ein bestimmter Bruchteil des entstandenen Schadens von seiner Kasse rückvergütet wird. Seitdem fast jedermann über einige Sachkenntnis in der Kraftfahrversicherung verfügt, sollte es eigentlich nicht mehr so schwierig sein, zu begreifen, daß die Dinge in der Krankenversicherung sehr ähnlich liegen.