Wie am Ende von Kindergeschichten ganz selbstverständlich der Held auftritt und das Böse unschädlich macht, so selbstverständlich kommt für die Hamburger der Sprengmeister Merz, wenn wieder einmal ein gefährlicher Blindgänger aus dem Kriege entdeckt worden ist. Daß er dabei, anders als der Märchenheld, ein beträchtliches Risiko auf sich nimmt – davon wird nach so langer Gewohnheit nicht mehr gesprochen. Für die Hamburger ist sein Erfolg so sicher wie Siegfrieds Sieg über den Drachen.

„Ich habe nun ungefähr viertausendfünfhundert Bomben von über 500 Pfund entschärft, davon 14 Prozent mit Langzeitzündern, so daß ich doch langsam meine Nerven spüre“, sagt Sprengmeister Merz. Bei jeder Bombe ist es wieder von neuem ungewiß, ob es gutgeht.

Seit März 1945 ist Walter Merz der einzige Sprengmeister für Blindgängerentschärfung. Jetzt will er Schluß machen mit seinem gefährlichen Gewerbe. Und er hat auch schon einen Mann gefunden, der, ebenso arm an Heldenpathos und sicherlich ähnlich reich an Mut und Kenntnissen, die Arbeit fortsetzen will: den Sprengmeister Frodermann.

„Wie lange werden denn noch Blindgänger aus dem Kriege zu entschärfen sein?“ frage ich.

Merz antwortet: „Als ich 1945 hier mit einem Sprengkommando der Luftwaffe in Hamburg saß und wir erlebten, wie in den verlassenen Flakstellungen dauernd Unglück mit liegengebliebener Munition passierte – an vierzig Kinder allein wurden dabei getötet –, da sagten wir: Jetzt stellen wir Fachleute uns zur Verfügung und räumen bis Weihnachten mal Hamburg auf. Dann lassen wir uns die Entlassungspapiere geben, vielleicht auch einen Zivilanzug und gehen nach Hause. Wie wollen Sie von einem Mann, der sich damals so verschätzte, erwarten, daß er nun heute sagen kann, wie lange noch Bomben und Munition aus dem Kriege gefunden werden?“

Es scheint, als habe die Aussicht, daß noch zehn Jahre lang weiter Bomben entschärft werden müssen, den heute 54jährigen Merz veranlaßt, sich selbst einen Schlußtermin zu setzen. Und wenn vor allem seine Familie wünscht, daß es nun aufhöre, was wäre verständlicher? Natürlich will er nicht „im Ruhestand“ leben. Aber wird nicht, verglichen mit diesem dauernden Leben mit Bomben, jede Arbeit eine Art Ruhestand sein?

Im Tiefbauamt der Baubehörde, Abteilung Blindgängerräumung, hat Sprengmeister Merz sein Arbeitszimmer. Dort steht in einem Glasschrank, säuberlich zum Besichtigen zerlegt, der Gegner Nummer eins, der Langzeitzünder. „Nichts, was man genau kennt, kann man ganz hassen“, sagte La Rochefoucauld. Und es schien, als beschrieben die Sprengmeister Merz und Frodermann einen vertrauten und respektierten Feind, als sie den hochgefährlichen amerikanischen Langzeitzünder erklärten.