XVI. Ein Unschuldiger, den Weimar einsperrte, Hitler festhielt und den die Amerikaner verurteilten

Ein Schicksal unserer Tage, aufgezeichnet von Ernst von Solomon

Vor dem Reichsgericht in Leipzig stand am 26. Mai 1924 ein junger Mann – brav, unbescholten, schüchtern, unerfahren. Die Männer in den roten Roben, höchste Richter des Landes, verurteilten ihn wegen „Hoch- und Landesverrats“ zu vierzehn Jahren Zuchthaus. Damit begann für den Reichswehrleutnant A. D. ein 27 Jahre dauerndes, verzweifeltes, sinnloses Leben, das ständig von der Frage begleitet war: Warum ..? – A. D. liebte ein Mädchen Charlotte, Tochter eines kommunistischen Reichstagsabgeordneten. Ihn warnte er vor drohender Verhaftung. Die Warnung wanderte unter den Gesinnungsfreunden des Politikers weiter. Als A. D. dies bemerkte, fürchtete er, entdeckt zu werden. Er desertierte – das ist der Tatbestand, dem indessen niemand Glauben schenkte. Unter falschen Voraussetzungen verurteilt, kam A. D. ins Zuchthaus; irrtümlich für einen überzeugten Kommunisten gehalten, wurde er zu Festungshaft begnadigt und dann – kurz vor der Entlassung – von den Nazis ins KZ Buchenwald gesteckt. Er hatte in dieser furchtbaren Zeit nach Kräften mitgeholfen, Menschen vor dem Tode in der berüchtigten „Isolierstation“ des Dr. Ding-Schuler zu retten, dennoch wurde er kurz nach der Befreiung durch die Amerikaner von den Amerikanern wiederum seiner Freiheit beraubt und – an Stelle des toten Ding-Schuler – wegen „Mithilfe und Teilnahme an den Operationen des Buchenwald-Konzentrationslagers“ zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt, abzusitzen Im Kriegsverbrechergefängnts Landsberg.

Anfangs wurden die Häftlinge von amerikanischen Soldaten bewacht, nachher von polnischen Hilfskräften in amerikanischem Dienst. Die Kommandanten wechselten oft; namentlich erinnert sich A. D. eines Captain Wilson und eines seines väterlichen Wesens wegen geschätzten Colonel Graham. Die Kommandanten, unterstützt von amerikanischen Sergeants. verwalteten das Gefängnis nach den Vorschriften des amerikanischen Strafvollzugs, der sich in Landsberg nach und nach immer mehr verschärfte. Niemals wurde jedoch geprügelt. Viele Maßnahmen wirkten freilich als Schikane, weil sie unverständlich waren. So durften die Gefangenen nichts außer dem Taschentuch und Rauchmaterial in den Taschen der Hosen tragen. Ununterbrochen, oft vier- bis fünfmal am Tage, mitunter nachts, wurde „gefilzt“.

Selbstverständlich war die eigenartige Atmosphäre dieses Gefängnisses in einem fast unvorstellbaren Maße bedrückend durch den Flügel für die Todeskandidaten und durch die Hinrichtungen. Die Todeskandidaten mußten, sobald sie die Zelle verließen, rote Jacken tragen. Sobald der Befehl zu ihrer Hinrichtung eingetroffen war, wurden sie in eine Kerkerzelle verlegt, die durch starke Gitterstäbe in zwei Hälften geteilt waren. Hinter diesen Gitterstäben verbrachte der Todeskandidat die letzten Stunden seines Lebens, unausgesetzt beobachtet von drei polnischen Posten. Die Befehle zur Hinrichtung trafen in unberechenbaren Abständen ein. An den Tagen der Hinrichtung – es fanden im ganzen etwa 400 bis 500 solcher Akte statt – sangen die übrigen Gefangenen in ihren Zellen von dem Augenblick an, da der von etwa zehn polnischen Bewachern zum Galgen Geführte sich mit lauter Stimme verabschiedete, abwechselnd das Deutschlandlied und das Lied vom guten Kameraden. Das Deutschlandlied wurde zwar verboten, jedoch wurde gegen diesen solidarischen Akt der Gefangenen von seiten der Gefängnisleitung nichts unternommen, An manchen Tagen sangen die Gefangenen mehrere Stunden lang, bis die Hinrichtungen beendet waren.

Auch A. D. sang. Er sang bei allen Hinrichtungen das Deutschlandlied mit, weil er nicht wußte, ob nicht unter denen, die den Tod erleiden mußten, Menschen waren, die diesen gewaltsamen Tod nicht verdient hatten. Er sang auch bei der Hinrichtung jener, die ihn verdient hatten, weil dieser Sang der einzige Protest des Gefangenen A. D. war, den er überhaupt gegen gewaltsamen Tod erheben konnte.

Sein „Kapo“: Sepp Dietrich