Wolfgang Kayser, 53 Jahre alt, Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Göttingen, ist am Sonnabendnachmittag gestorben. Ganz plötzlich, ohne erkennbare Krankheit, Herzschlag. Nach einer Besprechung, am Sonnabendnachmittag!

Die Kayser-Schüler, von denen viele eigens seinetwegen an die Universität Göttingen gegangen sind, verehrten ihren Meister. Seine Freunde bewahren ein leuchtendes Bild von ihm in ihrer Erinnerung. Die deutsche Germanistik weiß, was sie an Wolfgang Kayser verliert: einen der letzten großen (und noch gar nicht so) alten Männer von übernationalem Ruf und Rang.

Ich darf mich nicht rühmen, ein Schüler oder gar ein Freund von Wolfgang Kayser gewesen zu sein. In vielen Dingen – ob es nun um seinen Lehrer Julius Petersen ging oder um die deutsche Literaturkritik – wären wir verschiedener Ansicht.

So ist es wohl kein de-mortuis-Lobgesang, wenn ich sage, wen wir mit Wolfgang Kayser verloren haben (wobei „wir“ alle diejenigen sind, denen deutsche Sprache und deutsche Literatur viel bedeuten): einen überlegenen Mann, der immer bereit war, auch die andere Seite zu hören; einen sieggewohnten Streiter, der über jene nicht allzu häufige Tugend gebot, welche den Streit fruchtbar werden läßt: äußerste fairness; einen bedeutenden Gelehrten, der wußte, wie leicht die deutschen Geisteswissenschaften Gefahr laufen, in die Wolken nebelhafter Abstraktionen zu entschweben, wo Unheil ebensowenig angerichtet wie verhindert werden kann; und der alles, was er vermochte, getan hat, um dem entgegenzuwirken. Mehr als er vermochte, wie sich jetzt herausgestellt hat.

Seine Studenten lernten Bücher nicht nur als ausleihbare Bibliotheksrequisiten kennen, die in Bibliographien ein gefeiertes und abschreibbares Dasein führen; sie erfuhren mehr als hochschulüblich darüber, was alles passieren muß, bis so ein Buch seinen geachteten Platz auf einem Regal gefunden hat; sie durften sich damit beschäftigen, wie Literatur entsteht – und was für „Literatur“ alles entsteht!

Noch während der letzten Monate seines Lebens leitete Wolfgang Kayser einen großen Versuch ein, Löcher in die Barrieren zu reißen, die die Universitätsgermanistik von der lebenden Literatur einerseits und vom Deutschunterricht andererseits trennen – Verleger, Autoren, Kritiker gar wurden zu Vorträgen und Diskussionen in sein Seminar eingeladen.

Doch Wolfgang Kayser ist tot. Er starb 53 jährig und ohne erkennbare Krankheit. Er starb nach dieser Besprechung an einem Sonnabendnachmittag! Für den Sonntag waren wahrscheinlich auch noch ein paar Besprechungen angesetzt, oder die Arbeit an einem Vortrag, an einem Buch, an der Hauptmann-Ausgabe ... Was immer es gewesen sein mag – sicher kein Spaziergang in den Harz.

Ich würde mich ja gern entlasten lassen, so ähnlich schrieb er mir einmal, aber es gibt mehr vakante germanistische Lehrstühle in Deutschland als lehrstuhlreife Germanisten. Jetzt wird ein lehrstuhlreifer Germanist nun doch gefunden werden müssen, ob es ihn gibt oder nicht.

Und wieder drängt sich die Frage auf: Wer schützt die deutschen Universitätsprofessoren vor der unzumutbaren Überlastung in den Massenfächern, vor der erdrückenden Fülle von Pflichten, die mit Forschung nichts und mit Lehre wenig zu tun haben, vor – ja, wenn es sein muß, auch: vor sich selber? Rudolf Walter Leonhardt