Alle theoretische Beschäftigung mit der Dichtung dient zunächst der großen und schweren Kunst, richtig zu lesen. – Wolfgang Kayser

Akademische Unfreiheit

Vorlesungen über dialektischen Materialismus sollen den Studenten der polnischen Universitäten erneut zur Pflicht gemacht werden. Diese Zwangsvorlesungen standen in der stalinistischen Ära bei den Studenten sehr in Mißkredit und wurden im Oktober 1956 abgeschafft. Das Pendel schwingt...

Eine neue Spur zu Traven

Das Geheimnis um den Schriftsteller B. Traven („Das Totenschiff“) könnte sich doch noch klären. Ivana und Martin Traven, Geschwister aus dem slowenischen Dorf Utik, glauben, in einer Photographie, auf die sie in einer Laibacher Wochenzeitung zufällig stießen und die einen Mann namens Hol Kroves zeigt, der öfter als Travens Agent aufgetreten ist, ihren seit dem ersten Weltkrieg verschwundenen Bruder Franz Traven wiedererkannt zu haben. Eine Reihe von Indizien spricht also dafür, daß „B. Traven“ doch kein Pseudonym war, daß Hol Kroves mit B. Traven identisch und dieser der verschollene slowenische Zimmermannssohn ist.

Schimmernde (Feuer-) Wehr

Um die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr von Hollfeld im Landkreis Ebermannstadt wieder zum regelmäßigen Besuch der Übungen anzuspornen, verkündete der Feuerwehrhauptmann, daß jeder Feuerwehrmann seine Uniform abzugeben habe, wenn er mehr als 30 Prozent der Übungen versäume. Von Stund an waren die Übungen wieder gut besucht. Wer lacht da! Wer weint da ...?

Picasso und die Tauromachie

Pablo Picasso, der als aficionado bei jeder großen Corrida in Arles oder Nîmes zu finden ist, zeichnete 27 Illustrationen zum Stierkampfbuch des berühmten Toreros Pepe-Hillo, der neben Romero und Costillares im 18. Jahrhundert den Stil der heutigen Corrida begründete. Schade, daß eine solche. Kostbarkeit nicht allen aficionados sowohl des Stierkampfes als auch der Kunst Picassos zugänglich sein wird. Das Buch soll nämlich nur in 236 numerierten Exemplaren mit handsignierten Reproduktionen herauskommen (die Originale schenkte Picasso dem Museum von Barcelona) und wird die Kleinigkeit von vier- bis siebentausend Mark kosten ...

Talsperren-Rhetorik

Am 2. Dezember brach der Damm von Malpasset; Hunderte von Einwohnern der kleinen südfranzösischen Stadt Fr^jus verloren bei dem Unglück ihr Leben. Die französische satirische Zeitschrift Le canard enchaîné hat folgenden Text (vom September 1958) über die Talsperre von Malpasset ausgegraben; sein Verfasser ist Professor Gaignebert, Vizepräsident der Var-Gesellschaft (die für die Fluß-Regulierungs-Vorhaben in dieser Gegend zuständig ist): „See, den die Bauern erträumten, den weise Politiker forderten, du bist den Gehirnen der Ingenieure entstiegen, wie Athene einst dem des Zeus. Deine mathematische Schönheit zu besingen und zu preisen wäre Paul Valéry zugekommen ... Sohn des Kalküls und nicht der Jahrtausende, See, der Landschaft aufgeprägt, du verschmilzt jeden Tag inniger mit ihr. Die Wechselwirkungen, die deine Entstehung heraufbeschwört, werden für den Naturwissenschaftler und Geographen Gegenstand liebevoller Aufmerksamkeit...“ Als Kontrapunkt dazu ein Kommentar aus dem Progres de Lyon: „Die enorme Wasserspülung von Malpasset, an deren Kette einmal der Teufel zog, hat alles Organische aus dem Becken von Reyran gespült.“

Kundenwerbung

Carl Zuckmayer, Verfasser des seit vier Monaten sehr erfolgreichen Romans „Die Fastnachtsbeichte“, zur Zeit an einem Schauspiel „Der betrunkene Herkules“ arbeitend, vor kurzem mit dem Großen österreichischen Staatspreis ausgezeichnet, kann jetzt von seinen Verehrern auch im Bild bewundert werden, vor seiner Schreibmaschine sitzend. Mit dem Bild wird für das Versandhaus, aus dem die Schreibmaschine stammt, geworben.

Ein neuer Unsterblicher

Letzte Woche wurde ein neues Mitglied in die Reihen der „Unsterblichen“ der Académie Franchise aufgenommen; Jean Delay, ein Arzt und Psychiater von hohem Ruf, der vor allem mit einem zweibändigen Werk über die Jugendjahre seines einstigen Freundes André Gide hervorgetreten ist. Ohne der orthodoxen Freudschen Psychoanalyse zu folgen, behauptet Delay, daß das Kunstwerk, auch wenn der Dichter im normalen Leben keineswegs pathologisch erscheint, nur die Übertreibung einer Neurose und daß diese Neurose nur die Übertreibung eines Temperaments sei. Wo berühren sich die Gedankengänge von Jean Delay und Thomas Mann? – Thema für eine Doktorarbeit.

Voltaire als Drehbuchautor

Der französische Filmproduzent Clement Duhour kündigte für 1960 einen „Candide“ an – in der Uniform der französischen Armee von 1939. Von einem „zwischen Elsaß und Lothringen“ gelegenen Schloß verjagt, wird er gefangengenommen und befreit, um Soldat des Dritten Reiches zu werden. Schließlich hat er zwischen Rußland und Amerika Gelegenheit, die Schlachtfelder der Welt kennenzulernen. Orson Wells oder Pierre Brasseur wird Pangloss spielen, den Philosophen, „der in bewunderungswürdiger Weise bewies, daß es keine Wirkung ohne Ursache gibt und daß in dieser besten aller möglichen Welten alles aufs beste bestellt ist“. Lilli Palmer ist die weibliche Hauptdarstellerin; die Rolle des Candide ist noch nichtbesetzt.

Die Lyrik bleibe den Dichtern

Falsche Gedankenassoziationen führten im Untertitel einer Besprechung der Essays von Karl Reinhardt (Walter Jens: Mein Buch des Monats, ZEIT Nr. 4) dazu, daß seriöse Gelehrte heimlichen Verseschmiedens verdächtigt werden könnten, wo vielmehr vorbildlicher Stil betont werden und es also heißen sollte: Nicht nur bei den Dichtern ist große deutsche Prosa zu finden.