Sieben Jahre Zuchthaus für den Genfer Rechtsanwalt – War die Indizienkette lückenlos? / Von Ursula von Kardorff

Mordprozeß Jaccoud... Das Drama hat die Mischung, die sensationell wirkt: Liebe, Eifersucht und Mord. Und was den Mord betrifft: Ein alter Mann hat sein Leben lassen müssen an Stelle seines Sohnes – so sagt man. Aber wäre der Sohn getroffen worden, so hätte dies ebenfalls kein rechtes Motiv für die Tat ergeben. Da ist ein Angeklagter, der nicht gesteht. Ein berühmter Advokat kam aus Paris nach Genf, um ihn „herauszupauken“ – Stoff für Romane, Filme, Dramen. Kurzum, es handelt sich um den „Prozeß des Jahres“.

So kam es, daß in Genf, dieser freundlichen Stadt am See, in deren Kulisse schon oft Weltpolitik entschieden wurde, es diesmal nur ein Gespräch gab: Prozeß Jaccoud. War er der Mörder? – „Ja, er war es“, sagten die Leute auf den Straßen, in den Kneipen, den Luxusappartements. Sogar die frommsten Bürger der Stadt, in der einst Calvin lebte und starb, lobten und lasen die kommunistische Voix Ouvrière, weil in diesem Blatt brillante und – böse Prozeßberichte standen. Im übrigen heißt es, daß ein Drittel der Wähler dieser reichen Stadt, die so groß wie Augsburg ist, auch sonst den Kommunisten ihre Stimme gibt.

Das Volk also war gegen Jaccoud.

„Jaccoud? Der wird schon durchkommen! Er hat Beziehungen! Die feinen Leute halten doch zusammen! Jaccoud ist Freimaurer, er ist reich. Den buchten sie nicht ein.“

Wer am Pranger steht...

So klang es immer wieder aus den Reihen der Bürger, Rentner, Marktfrauen, der „Halbstarken“ und der Sensationslüsternen, die vor der Tür des Gerichtssaales Einlaß begehrten. Es waren auch Angeheiterte darunter, die nicht mit Witzen geizten. Andere Genfer Bürger vom Schlage der Puritaner waren derweil böse über ausländische Journalisten, die sich über Genf mokiert hatten. Und so verbrannten eines Abends die Studenten öffentlich eine Pariser Illustrierte, den Paris Match, weil ihnen die Art, wie darin über Jaccoud und die Genfer Gesellschaft berichtet wurde, mißfiel. Für die Stadt, in der Johannes Calvin fast dreißig Jahre lang predigte, ist dieser Prozeß eine Schande. Wer am Pranger steht, ist verloren!