Von Walter Abendroth

Unmittelbar aufeinander folgten in München zwei Erstaufführungen, die auf überraschende Weise ein Generalthema aller sozialpolitischen Problemphilosophie variierten: das Thema „Spießer“.

Ein ungemütliches Thema, ein gefährliches, ein schwieriges...

Das Residenztheater brachte Max Frischs dramaturgisch überzogenes Lehrstück Biedermann und die Brandstifter“ heraus, die Kammerspiele zeigten Jean Anouilhs Komödie „General Quixotte oder der verliebte Reaktionär“, die im Original den Titel „L’Hurluberlu“ trägt.

Beide Stücke waren durchschlagende Erfolge – was sich aus der hier wie dort glänzenden Aufführung erklärt, die bei Frisch unter Kurt Meiseis Regie die schwachen Seiten der Konzeption hinter dem phantastischen Realismus der Idee verschwinden ließ, bei Anouilh unter Hans Schweikarts pointensicherer Spielführung die geschliffenen Sentenzen der klassischen französischen Dialogkunst in funkelnder Pracht ausbreitete. Zum begeisterten Beifall für virtuose Interpretationsleistung war um so mehr Anlaß gegeben, als an beiden Abenden auch noch je ein brillantes „Solo“ das erstklassige Ensemble überstrahlte: Hans-Dieter Zeidler der Liebling des Frankfurter Theaterpublikums, als urig-abgründiger Ringer Schmitz (jene Rolle also, in der vor allem Ullrich Haupt brillierte) in der Brandstiftertragiposse, und Axel von Ambesser in der Titelrolle der Generalspersiflage.

Nicht nur Frischs „Biedermann“ ist, wie schon sein Name verrät, eine Porträtskizze des „Spießers“, sondern Anouilhs General Quixotte ist es ebenso. Biedermann und Quixotte gehören zusammen wie das Negativ und das Positiv einer Photographie: Biedermann, der Egoist verlogenen Selbstbehagens zwischen Brutalität gegen die Wehrlosen und Feigheit gegenüber den Überlegenen, dadurch Mithelfer eines Verbrechens, dessen Opfer er selbst sein wird; und Quixotte, der „Reaktionär“, dessen konservativer Charakter ihn am „Widerstand“ irremacht und über den die Zeit hinwegtanzt, ohne ihn widerlegen zu können.

Der Spießer hat seinen soziologischen Ort zwischen den Mächtigen und den Machtlosen. Diese Position bestimmt seine eigene Macht und Ohnmacht; sie macht ihn zum potentiellen Hüter aller Ordnungen, zum Träger und Wächter der Zivilisation einerseits, zum potentiellen Verbrecher andererseits. Ob er Reaktionär oder Revolutionär wird, das richtet sich danach, auf welcher Seite er seiner Selbsterhaltung jeweils am besten zu dienen glaubt. Im Grunde „will“ er nichts als den bequemen Genuß des Daseins im größtmöglichen Wohlstand. Darum ist er Bewahrer der bestehenden Ordnung, solange es geht. Denn vom Bestand der gegebenen Verhältnisse ist ja auch das ganze System der Sicherungen abhängig, mit welchem er meint, dem Schicksal entgegenwirken zu können.