Der Verleger schämte sich seines Autors – Der originale Text ist herber und realistischer – „Alabasterbusen“ sind Erfindungen des Zensors – Die erste authentische Ausgabe kommt in französischer Sprache heraus

Von Thilo Koch

Um die Jahrhundertwende wird der Leipziger Verleger Albert Brockhaus auf sein zuständiges Bezirkskommando nach Bitterfeld befohlen. Grund: eine Moral- und Ehrenfrage. Kann man preußischer Reserveoffizier sein und ein Buch wie die Memoiren eines gewissen Casanova verlegen und besitzen?

Der heutige Inhaber und Chef des altrenommierten Leipziger Verlages, Herr Dr. F. A. Brockhaus, residiert in Wiesbaden. Das Stammhaus in Leipzig wurde VEB (Volkseigener Betrieb). 1945 emigrierten Herr Brockhaus und einige Mitarbeiter mit den Urheberrechten und mit der Tradition des großen Konversationslexikons. Sie etablierten sich neu im Rhein-Hessischen. Dr. Brockhaus ist heute ein 72jähriger Herr, der ganz unverkennbar zweierlei bewahrt: den heimatlichen Dialekt und die etwas skurrile Grazie eines sächsischen Patriziers. Letzteres ist auch für uns nicht bedeutungslos, denn eines der kuriosesten Rätsel der Weltliteratur, die Geheimhaltung der Casanova-Handschrift durch den Verlag Brockhaus über 140 Jahre hin, findet eine gänzlich unsensationelle Lösung: im Charakter der Herren Brockhaus.

Geldschrankknacker holte Casanova

„Gegen die Brockhaus kämpfen Götter selbst vergebens!“ hatte Stefan Zweig wütend geschrieben. Einige Jahrzehnte später beklagte sich Hermann Kesten mit beißender Ironie darüber, daß der Verlag auch ihm nicht gestattet habe, das Manuskript einzusehen. Kestens „Casanova“ wurde geschrieben, gedruckt, in elf Sprachen übersetzt, ohne daß der neueste gründliche Casanova-Kenner das Original gesehen hätte. Gustav Gugitz, der Senior der Casanova-Forschung – er lebt heute, mehr als achtzig Jahre alt, in Wien – konnte sich in seiner ganzen Lebensarbeit immer nur auf die beiden einzigen Ausgaben der Memoiren stützen, deren Herausgeber das Original benutzen durften: die deutsche von Schütz, erschienen 1822 bis 1828, und die französische von Laforgue, erschienen 1826 bis 1838.

Dutzende von Attacken quittierten die Brockhaus’ 140 Jahre lang mit Schweigen oder Ausflüchten. Die „Literarische Welt“ veröffentlichte schließlich sogar einmal eine besonders abenteuerliche „story“. Danach sollte ein italienischer Patriot und Landsmann Casanovas einen eben aus dem Zuchthaus entlassenen Geldschrankknacker gedungen und beauftragt haben, das geheimnisvolle Manuskript der Memoiren gewaltsam aus dem Tresor des Leipziger Verlagshauses zu entwenden. Der Einbruch sei gelungen. Es habe sich bei den kostbaren Blättern ein Vermächtnis, von Friedrich Arnold Brockhaus gefunden, der es seinen Erben zur Pflicht gemacht habe, den Originaltext der berühmt-berüchtigten „Histoire de ma vie“ erst dann zu publizieren, wenn es dem Verlag Brockhaus einmal schlecht gehe.