H. W. Flensburg

Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird die Stadt Flensburg bald ihr Rathaus verkaufen. Drei Millionen Mark hat ein süddeutscher Warenhauskonzern für das hundert Jahre alte Gebäude geboten. Ein verlockendes Angebot, denn diese Summe wäre schon ein solider Grundstock für den Bau eines neuen Rathauses, das fünf Millionen Mark kosten soll – um so verlockender, als die sparsamen Stadtväter seit einigen Jahren für eben diesen Zweck gespart haben.

Seit 1890 schon wird in Flensburg von einem Neubau geredet, aber bisher scheiterten die Pläne der besorgten Stadtväter immer wieder, weil einfach das Geld dafür fehlte. Und seit 1890 wird auch gejammert, daß der alte Bau zu eng sei. Offenbar hatte der Architekt (in Unkenntnis des Parkinsonschen Gesetzes) vor hundert Jahren das Anwachsen der Verwaltung nicht vorausgesehen. Die Stadt mußte deshalb zusätzliche Büroräume mieten. Sie zahlt dafür gegenwärtig jedes Jahr, 400 000 Mark Miete. Auch die alljährlichen Reparaturarbeiten laufen ins Geld. Und schließlich ist das Rathaus nicht eben repräsentativ. Der Ortsunkundige findet es nur, wenn er zufällig die Inschrift über dem Portal liest. Kurzum – die ehrbaren Ratsherren der Grenzstadt waren der Meinung: Ein neues Rathaus muß her.

Jetzt aber, da sie unmittelbar vor dem Ziel ihrer Wünsche stehen, zögern sie. Und sie lassen sich höchst ungern in die Karten sehen. Lange Zeit rätselte man in Flensburg über die Kaufsumme. Waren es drei oder 3,8 Millionen Mark? Schließlich erklärte die SPD, drei Millionen seien geboten, 3,8 Millionen könne man fordern, und im übrigen seien die Sozialdemokraten grundsätzlich für den Verkauf. Der Südschleswigsche Wählerverband – die politische Organisation der dänischen Minderheit und die zweitstärkste Fraktion im Stadtparlament – ließ verlauten, sie begrüße es, wenn die Stadt ein neues Verwaltungsgebäude erhalte.

Die drei Mann starke BHE-Fraktion dagegen schwieg sich aus, und die CDU/FDP-Fraktion – mit 15 Vertretern die stärkste im Parlament – hielt ebenfalls mit ihrer Meinung zurück. Die SPD und der SSW ließen aber nicht locker, 15 Vertreter dieser Fraktionen forderten eine Sondersitzung über den Rathausverkauf. Da dieser Antrag von mehr als einem Drittel aller Ratsherren unterschrieben ist, wird das Stadtparlament die heikle Frage bald diskutieren müssen.

Bei dieser Diskussion werden die Proteste des Einzelhandelsverbandes eine wichtige Rolle spielen. Der Protest der Einzelhändler richtet sich dabei weniger gegen das neue Rathaus. Sie befürchten vielmehr, daß durch das Warenhaus ihre Umsätze leiden könnten. Sie stellten dabei folgende Rechnung auf: Umsatz des Einzelhandels der Grenzstadt 191 Millionen Mark pro Jahr. Davon würden mindestens 20–25 Millionen auf das Warenhaus entfallen und somit dem Einzelhandel entzogen werden. Da aber auch noch ein zweiter Warenhauskonzern die Absicht habe, sich in Flensburg niederzulassen – und etliche Häuser an der Hauptgeschäftsstraße der Stadt seien bereits in seine Hand übergegangen –, müßte der Flensburger Einzelhandel mit einem Verlust von mindestens 40 bis 45 Millionen Mark jährlich rechnen.

Flensburgs Ratsherren, verpflichtet, die Interessen aller ihrer Wähler zu vertreten, stehen also vor keiner leichten Entscheidung. Dennoch besteht kaum ein Zweifel darüber, daß die Mehrheit sich für den Verkauf des alten Rathauses entscheiden wird. Und der Einzelhandel wird – ähnlich wie in Schleswig – das Nachsehen haben.