Von Walter Jens

Zwölf Jahre sind seit den Tagen vergangen, da Ilse Aichingers Roman „Die größere Hoffnung“ erschien. Man erinnere sich: Borchert war schon tot, Böll und Celan, Ingeborg Bachmann und Schnurre hatten noch nicht begonnen. Es gab keine junge deutsche Literatur; der Faden schien zerrissen; was uns erreichte und was Rang und Würde besaß, kam von sehr weit her, aus Kalifornien oder dem Schweizer Exil. Spärliche Markierungen, Grenzpfähle – Kasacks „Stadt hinter dem Strom“, Elisabeth Langgässers „Unauslöschliches Siegel“ – machten die Wüste nur noch sichtbarer.

Zu solcher Stunde also erschien das Buch einer bis dahin vollkommen unbekannten achtundzwanzigjährigen Schriftstellerin aus Wien, das in diesen Wochen wieder aufgelegt wurde –

Ilse Aichinger: „Die größere Hoffnung“; Fischer Bücherei Band 327, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.; 188 S., 1,90 DM.

Drei Jahre nach dem Ende des Krieges wurde in diesem Buch die Rechnung beglichen – reinlich, unerbittlich und konsequent. Neben die Dokumentation, neben Kogons „SS-Staat“, trat eine zweite Form der Abrechnung, das Scherbengericht der Poesie. Etwas Seltsames geschah: Die peinliche Vermeidung aller Realien, der Verzicht auf die vertrauten Namen, Begriffe und Vorstellungen, gab den Konturen eine nicht minder grimmige Akkuratesse als der Beleg. Kein Hitler, kein SD, kein Auschwitz und kein militärisches Planspiel: und doch die ganze Wirklichkeit, und doch die zappelnden Galgen im Rachen des Walfisches.

Die Geschichte ist einfach: Ein Mädchen, erfüllt von kindlicher Klarsicht, traumgleich und zeitlos wie Antigone, erfährt, was es bedeutet, „ausgeschlossen“ zu sein. Als Tochter einer jüdischen Mutter hat Ellen, von den Schergen gejagt, nur den einen Wunsch, bei den Juden eine Heimat zu finden. Da man ihr das Visum verweigert, bleibt ihr nichts als die größere Hoffnung, mit den „anderen“ spielen zu dürfen. Aber auch die anderen stoßen sie wieder und wieder zurück, denn Ellen hat ja nur zwei falsche Großeltern, und allein wer deren vier besitzt, ist würdig, den Stern tragen zu dürfen.

Seltsames Wechselspiel! Die Gejagten werden zu Richtern, die Peiniger fürchten sich. Der Judenstern, die gelbe Narbe mit der Spinnenwebenschrift, verwandelt sich in das Gestirn von Bethlehem und in die Krone Israels. Wie David ins Heilige Land zog, so folgen die Kinder dem goldenen Zeichen, das bald, aller Schrecken entkleidet, zum Diadem des Martyriums wird. In Winkelverstecken, auf dem Speicher, in Hinterstuben, in dämmrigen Kammern und auf dem Friedhof, als Geleiter eines leeren, regenschwarzen Sargs, träumen Bibi und Herbert, Georg und Kurt den großen Traum der Erlösung.