III: Die gesteuerte Untersuchung und der ermordete Gestapohäftling

Von Hans Bernd Gisevius

Zwei Männer sind von den Nazis umgebracht worden – nur weil sie zuviel über die Rolle der SA beim Reichstagsbrand wußten. Der dies bezeugt, weiß, wovon er spricht: Ministerialrat a. D. Dr. Hans Bernd Gisevius war von August bis Dezember 1933 Gerichtsassessor beim Polizeipräsidium Berlin, danach bis Mitte 1935, als er auf Himmlers Drängen entlassen wurde, Regierungsassessor in der Polizei-Abteilung des Berliner Innenministeriums. Damals schon sammelte er die Unterlagen für seinen Bericht, in dem er abermals die Überzeugung kundtut: van der Lübbe hat den Reichstag nicht allein in Brand gesetzt – die Nationalsozialisten waren daran beteiligt.

Was tut der gelernte Kriminalist als erstes, wenn er ein Kapitalverbrechen aufzuklären hat? Er legt sich die Frage vor, zu wessen Gunsten sich die Tat hätte auswirken können. Sobald er so den Umkreis der möglichen Täter abgesteckt hat, beginnt er mit der Sammlung aller Indizien, die auf den Hergang des Verbrechens schließen lassen. Und ein lückenloser Beweis gilt erst dann als erbracht, wenn sich die Tat auch ohne ein – jederzeit widerrufbares – Geständnis des Täters rekonstruieren läßt.

Bei der Aufklärung der Reichstagsbrandstiftung ist nicht nach diesen kriminalistischen Regeln verfahren worden. Daran ändert die Tatsache nichts, daß nach wenigen Tagen die gerichtliche Voruntersuchung angeordnet wurde. Im Gegenteil: Wenn die Geheimpolizei die Absicht gehabt haben sollte, Spuren zu vertuschen und von den wahren Tätern abzulenken, dann konnte sie sich gar nichts Besseres wünschen, als daß nach außen hin ein unabhängiger Richter die Verantwortung für den Gang der Ermittlungen übernahm. Hauptsache, es gelang ihr, die für diesen Richter bestimmten Informationen zu filtern. Genau das hat die Polizei auch getan – wenngleich der Spiegelautor, Regierungsrat Fritz Tobias, keine Notiz davon nahm. Statt dessen legte er sich vorbehaltlos auf die Aussage zweier – von mehreren – an der Untersuchung beteiligten Beamten fest, die Aussage nämlich der Kriminalkommissare Heisig und Dr. Zirpins. DieseBeamten allerdings waren praktisch weisungsgebunden. Überdies standen sie unter dreifachem Druck.

Erstens: Ihr Untersuchungsergebnis war in der Brandnacht durch den Reichskanzler Hitler amtlich vorweggenommen und tags darauf durch die Notverordnungen vom Reichskabinett und dem Reichspräsidenten von Hindenburg bestätigt worden. Die kriminalistische Arbeitshypothese lautete also, daß man nach Lubbes kommunistischen Komplicen zu suchen habe.

Zweitens: Nach dem Wahlergebnis des 5. März und dem darauf einsetzenden Gleichschaltungstaumel sprach sich in jenen Kreisen, die das Reservoir der Informanten, Eingeweihten oder Zufallszeugen stellten, rasch herum, daß es besser sei, Görings Polizei aus dem Weg zu gehen. Allenfalls hätten anonyme Anzeigen auf die richtige Spur verweisen können. Aber warum sollten die wegen ihrer Aufgabe sowieso nicht zu beneidenden Kriminalisten mutiger sein als jene Unbekannten (die schon wußten, warum sie nicht persönlich mit ihren Mitteilungen hervortreten wollten)? An den drakonischen Strafen, die ihre eigene Behörde, die Gestapo, täglich verhängte, konnten diese Beamten peinlich genau ablesen, wo Unvorsichtige landeten, die den Reichstagsbrand in indiskretes Gerede brachten.

Drittens: Die Kommissare der Reichstagsbrand-Sonderkommission standen auch arbeitstechnisch unter schärfster Kontrolle. Sie waren, wie der damalige Gestapochef Diels bestätigt, dem Polizeiminister direkt unterstellt. „Göring konferierte mit den Beamten und dem Oberreichsanwalt persönlich und häufig.“

Warum hüllt sich Tobias über diesen bedeutungsvollen Tatbestand in Schweigen? Und wo ist die Logik in der Behauptung, jener einzige Kriminalbeamte, der die These von Lubbes angeblicher Alleintäterschaft aufbrachte, müsse deshalb als besonders unabhängig angesehen werden, weil er als Beamter der politischen Polizei im Jahre 1932 Göring einmal habe das Wort abschneiden müssen und seither einen „schwarzen Punkt“ gehabt habe? Das läßt das Dilemma des damals noch sehr jungen Kommissars Heisig doch nur noch fataler erscheinen. Oder will uns Tobias einreden, es habe auch nur eine Sekunde in dem freien Ermessenirgendeines dieser Kriminalkommissare gestanden, sich bei einer der vielen intimen Unterredungen mit Göring von seinem Sitz zu erheben, um dem Polizeiminister einen Haftbefehl wegen Verdunkelungsgefahr über den Tisch zu reichen?

Unter den gegebenen Umständen war es schon viel, wenn Heisig, der die völlige Haltlosigkeit der von Göring befohlenen Anklage gegen Torgler und die drei bulgarischen Kommunisten besser als jeder andere durchschaute, diesen beabsichtigten Justizmord dadurch zu sabotieren versuchte, daß er kurzerhand behauptete, Lübbe habe überhaupt keine Mittäter gehabt. So wie die Dinge lagen, blieb Heisig gar nichts anderes übrig, als auch nach 1945 zu diesem Verslein zu stehen. Es wäre ihm schlecht bekommen, hätte er seine Meldung als 131 er mit der Enthüllung verbunden, er habe seinerzeit bei der Vertuschung des wahren Hergangs der Reichstagsbrandstiftung aktiv mitgewirkt.

Heisig ist tot. Und deshalb möchte ich nicht die Frage vertiefen, ob er seine ostentative Nichtbeteiligung an der „Überführung“ der Kommunisten nicht durch eine um so verschwiegenere Enthaltsamkeit bei der Suche nach den wahren Tätern ausgeglichen hat. Seine bevorzugte Beförderung. unmittelbar nach Prozeßende gab schon damals zu denken. Immerhin bewies er, daß es selbst in solchen heiklen Fällen Ausweichmöglichkeiten gab. Heisig sticht insofern angenehm von dem zweiten Kronzeugen Tobias’, nämlich von Dr. Zirpins, ab.

Der widersprüchliche Zeuge

Laut Tobias hat der wegen seines kriminalistischen Scharfsinnes so gelobte Zirpins bereits 1933 fest an die Alleintäterschaft Lubbes geglaubt und sich nach 1945 zu dieser Beurteilung wieder zurückgefunden. Dazwischen aber übte er sich in der Kunst, seine Kriminalistik in einer seinen Vorgesetzten genehmen Form zu servieren. Tobias drückt das so aus:

„In seinem damaligen Abschlußbericht versucht Zirpins allerdings auch den Nachweis zu führen, daß van der Lübbe zu seiner Tat von ‚dritter Seite‘ angestiftet worden sei. Nachdem die polizeilichen Ermittlungen schon keine Anhaltspunkte für irgendwelche kommunistischen Mittäter Lubbes erbracht hatten, glaubte er offenbar, es seinen Vorgesetzten – die ja doch an die Mittäterschaft der Kommunisten glaubten (!) – nicht antun zu können, eine Verbindung Lubbes mit der deutschen KP zu verneinen. Er berief sich dabei vor allem auf die Aussagen jener angeblichen Augenzeugen Karwahne, Frey und Kreyer, die Lübbe mit dem KPD-Fraktionschef Torgler gesehen haben wollten – Aussagen, die später vom Reichsgericht durchweg als unglaubwürdig verworfen wurden.“

Es hieße, die kriminalistischen Fähigkeiten von Dr. Zirpins ungebührlich herabzusetzen, wellte man unterstellen, er habe jene „durchweg unglaubwürdigen“ Aussagen auch nur eine Woche lang geglaubt. Dennoch berief er sich auf diese Phantastereien und legte sich darauf fest, daß Lübbe kommunistische Komplicen gehabt habe! Man könnte soviel Anpassungsfähigkeit an die Weisungen von oben etwas geduldiger hinnehmen, hätte Zirpins später nicht ähnliche Beweise für die politische Ausrichtung seiner Arbeitsmethoden geliefert. Spätere Äußerungen von ihm lassen jedenfalls bedenkliche Rückschlüsse auf das zu, was der zweite Kronzeuge des Spiegels jeweils „glaubte, seinen Vorgesetzten nicht antun zu können“. Und nun sieht der jetzige Leiter des Landeskriminalamtes in Hannover schweigend mit an, wie Dritte mit seinem reichlich biegsamen Sachverständnis von ehedem herumhantieren. Soll er doch selber mit der Sprache herausrücken, wenn er die Nationalsozialisten absolut freigesprochen wissen will!

Noch leben einige andere Kriminalisten, die damals mit der Untersuchung befaßt waren. Tobias verschweigt zwar ihre Existenz; aber sie wären sehr wohl in der Lage, bei einer objektiven Überprüfung durch ein unabhängiges Gremium ihre Erfahrungen mit der damaligen Kriminalistik der Herren Heisig und Zirpins zu erläutern.

Übrigens würde eine solche kritische Durchleuchtung sofort etwas sehr Wesentliches zutage bringen: Von Anfang an wurde damals bei den Ermittlungen mehrgleisig gefahren. Es begann mit Heisig und Zirpins; dann kam für etwa drei Monate der Untersuchungsrichter mit einem eigenen Stab; dazwischen erhielt der nicht sonderlich darüber ergötzte Kriminalkommissar Dr. Braschwitz seinen Sonderauftrag, unverzüglich Lubbes kommunistische Mittäter anzuliefern. Immer geisterte die unheilvolle Figur des Kriminalrats Heller umher, auch die Oberreichsanwaltschaft ermittelte: und über allem thronte – und dirigierte – Göring. Keiner der Sachbearbeiter erfuhr mehr, als eine unsichtbare Zentralstelle ihm an Material bekanntmachte.

Ermordet, weil er schwatzte

Der besondere Beitrag, den ich zur Geschichte des Reichstagsbrandes glaube beigesteuert zu haben, liegt ja gerade darin, daß ich in meinem Buche „Bis zum bitteren Ende“ berichtet habe, wie von Aberhunderten von angeblichen Spuren ausgerechnet jene eine, die sofort zur Verhaftung der Täter geführt hätte, im Sieb der Gestapo hängenblieb. Ich will noch einmal erzählen, wasich darüber weiß.

Ende September 1933 wurde das Berliner Morddezernat wegen eines Leichenfundes in der näheren Umgebung alarmiert. Zunächst deuteten alle Anzeichen auf einen Raubmord. Der Ermordete war – nur mit einem Hemd bekleidet – in einem Acker verscharrt worden. Ein heftiger Kampf mußte vorhergegangen sein, aber die Spuren verloren sich auf der nahen Landstraße, wo die Täter mit einem Auto geflohen waren.

Dieser für die Mordspezialisten nicht sonderlich erregende Befund hatte unerwartete Weiterungen. Binnen weniger Stunden nämlich identifizierten die Beamten an Hand von Fingerabdrücken die Leiche: Es handelte sich um einen Gewohnheitsverbrecher namens Rall. Das Merkwürdige aber war, daß dieser Rall den Polizeiakten zufolge in einem märkischen Untersuchungsgefängnis „einsitzen“ sollte. Merkwürdiger noch: Eine Rückfrage ergab, daß der Häftling wenige Tage zuvor auf Ansuchen der Gestapo zum Verhör nach Berlin überstellt worden war und eigentlich im Gefängnis des Polizeipräsidiums sitzen mußte. Aus der Haft entlassen konnte er gar nicht sein, weil er ja ordnungsmäßig wieder den Justizbehörden hätte übergeben werden müssen. Folglich war Rall aus dem sichersten Gewahrsam, das mansich vorstellen konnte – aus der Polizeiverwahrung – entführt worden, und seine Ermordung mußte unter aktiver polizeilicher Beteiligung erfolgt sein.

Diesen Skandal wollten damals weder die Mitglieder der Mordkommission noch die zur politischen Polizei abgeordneten Beamten auf sich sitzen lassen. Es gab erregte Auseinandersetzungen, und dabei kam die volle Wahrheit zutage. In der Tat war Rall von dem Kriminalrat zur Sonderverwendung Geißel einem mehrtägigen Geheimverhör unterzogen worden, und nachweislich hatten dabei Mitglieder aus dem Gruppenstab des Berliner SA-Führers Karl Ernst mitgewirkt. Ihnen war auch Rall in der Nacht seiner Ermordung zu einem direkten SA-Verhör übergeben worden. Alsbald wurden auf Anordnung des Gestapochefs Diels alle weiteren Ermittlungen untersagt. Ja, es erging strenge Weisung, die Erörterung dieser mysteriösen Angelegenheit unbedingt zu unterbinden.

Warum diese Geheimnistuerei? Das kam zwar nicht von heute auf morgen, aber doch unverhältnismäßig schnell heraus.

Rall war in den letzten beiden Jahren Mitglied der Stabswache der Berliner SA-Gruppe gewesen. Das war eine kleine Sonderformation, die im Gegensatz zu derbreiten Masse der SA fest besoldet war und zu der nur handfeste Haudegen – man kann getrost sagen: Totschläger – gehörten. Niemand hat die Schandtaten dieser Söldner brutaler geschildert als Hitler in seinem Rechenschaftsbericht nach der mörderischen Säuberungsaktion des 30. Juni 1934. Abgespeist mit kärglichem Lohn und großen Versprechungen, hatte Rall gehofft, nach der „Machtergreifung“ sein gutes Auskommen zu finden. Statt dessen war er einer der ersten Auskämmungen zum Opfer gefallen, bei denen jene alten Kämpfer ausgemerzt wurden, die im Steckbriefregister verzeichnet waren. Als er dann erneut in Untersuchungshaft geriet, hatte er den verwegenen Einfall, sich zu rächen, vielleicht auch seinen Anteil an der ausgelobten Belohnung zu erlangen, indem er vor dem Amtsrichter Selbstanzeige erstatte: Er sei einer von zehn namentlich bezeichneten SA-Männern gewesen, die auf Befehl des Gruppenführers Ernst den Reichstag in Brand gesteckt hätten. Dieses Protokoll sollte auf seinen Wunsch an das Reichsgericht gesandt werden, wo der Lubbe-Prozeß soeben anlief.

Der Weg, den Rall einschlug, war an sich der legalste und – wie er fälschlich annahm – auch der ungefährlichste. Auf dem Wege vom Amtsgericht zum Reichsgericht befand sich das Dokument, aber auch er selber, der Kronzeuge, unter erichtlichem Schutz, Hinterher mochte er auf den Schutz der ihm zuteil gewordenen Publizität spekulieren. Nur kam dieses Protokoll niemals in Leipzig an: Es wurde durch die Gestapo abgefangen.

Ein linientreuer junger Justizangestellter mit Namen Reineking, der als Schriftführer zugegen war, als Rall seine Aussage zu Protokoll gab, eilte nämlich noch am gleichen Tage nach Berlin. Er alarmierte den Gruppenführer Ernst, der seinerseits den Gestapochef Diels ins Bild setzte. Unverzüglich wurden die erforderlichen Maßnahmen eingeleitet. Rall wurde nach Berlin geholt und dem Sonderkommissariat vorgeführt. Dort mußte er in Gegenwart Reinekings seine Aussage wiederholen. Mindestens ebenso wichtig erschien den Vernehmenden dabei freilich die Frage, ob Rall inzwischen mit anderen über sein Geheimnis geredet oder etwas Schriftliches deponiert hatte. Tatsächlich konnte eine undichte Stelle gefunden und abgedichtet werden. Sobald, die letzte Vernehmung beendet war, wurde Rall dann umgebracht.

Das Kernstück seiner Aussage aber war: Drei oder vier Tage vor dem Brande seien er und neun andere SA-Männer zum damaligen Oberführer Ernst befohlen worden, der ihnen eröffnet hatte, man würde jetzt ein „Ding drehen“. Bekanntlich wollten die Kommunisten ganz Deutschland in Schutt und Asche legen. Sie, die Nazis, würden bloß die Quasselbude, den Reichstag, anstecken, dies den Kommunisten in die Schuhe schieben und danach die langersehnte Großaktion auslösen. Wegen der Polizei habe der „Doktor“ – das war Göbbels – bereits das Notwendige mit Göring besprochen. Er, Karl Ernst, habe sich die Leitung vorbehalten, das Einsatzkommando sollte jedoch der Sturmbannführer „Heini“ Gewehr führen.

Anschließend wurden die zehn Mann kaserniert. An Hand eines Grundrisses des Reichstagsgebäudes wurden in den nächsten Tagen alle Einzelheiten der Aktion durchgesprochen.

Am Abend der Tat holten sie zunächst bei einem Drogisten im Norden der Stadt verschiedene kleine Kanister mit einer leichtentzündlichen Tinktur ab. Dann wurden sie vom Palais des Reichstagspräsidenten Göring aus in den unterirdischen Gang zum Reichstag dirigiert. Sie mußten aber einige Stunden warten, bis sie das Startzeichen erhielten. „Heini“ Gewehr vorweg, langten sie binnen weniger Minuten am Tatort an. Am wichtigsten war die Brandstiftung im Plenarsaal. Ungefähr zehn Minuten später kehrten sie wieder in den Durchgang zurück und wurden unbemerkt abtransportiert. Hinterher wurde ihnen unter Todesandrohung die Weisung: Schnauze halten!“ erteilt.

Ein Kriminalbeamter gab keine Ruhe

Soweit Rall. Gruppenführer Ernst und Gestapochef Diels wußten sehr wohl, warum dieses Protokoll niemals in die Hände der Leipziger Richter, fallen und Rall auch nicht mehr in den Gewahrsam der Justiz zurückkehren durfte. Denn zum ersten Male wurden Namen genannt, und zwar nicht allein die Namen der zehn Täter, sondern auch der jenes Drogisten, der die Brandtinktur gemixt hatte. Überdies ließ sich die Tatsache, daß Rall zu einer „Gruppe z. b. V.“ innerhalb der berüchtigten Stabswache gehört hatte, unmöglich abstreiten. Auch wurde ein ursächlicher Zusammenhang zu den im SA-Jargon „Flächenbränden“ genannten Erscheinungen des Jahres 1932 hergestellt: Immer wieder brannten damals Litfaßsäulen, an denen kommunistische Plakate klebten. Mithin waren bedenkliche Ansatzpunkte vorhanden, wollten Neugierige „nachfassen“ ...

Das tat insgeheim der damalige Leiter der Exekutivabteilung der Gestapo, der spätere Leiter des Reichskriminalamtes Arthur Nebe. Als alter Parteigenosse war er in die Behörde gekommen, aber gerade die Affäre Rall stieß ihn auf jenen Weg, der nach dem 20. Juli 1944 mit seiner Hinrichtung endete. Und diesem erfahrenen Kriminalisten war es möglich, manche Punkte zu klären, die das Geständnis Ralls zunächst offen ließ.

Zunächst einmal fiel Nebe auf, daß der Justizangestellte Reineking sofort aus der Neuruppiner Justizverwaltung zur Gestapo nach Berlin versetzt wurde. Gruppenführer Ernst zeigte sich erkenntlich und ließ den einfachen SA-Mann binnen weniger Wochen zum stolzen Standartenführer in seinem Gruppenstab avancieren. Das aber brachte Reineking mit Ralls Kumpanen vom 27. Februar in engste Fühlung. Nebe machte sich an den anlehnungsbedürftigen Reineking heran und stellte unauffällige Rückfragen. Am Ende kam er zu der unerschütterlichen Überzeugung: Ralls Schilderung über den Hergang der Tat war echt.

Nebe hat jahrelang sein Material im eigenen Amte versteckt. Es blieb seine Hoffnung, dieses erste Verbrechen der Nationalsozialisten zur gegebenen Stunde persönlich aufklären zu können. Erst als es mit den Jahren immer ungewisser wurde, wen das Fallbeil zuerst erreichen würde, ließ er sich von mir dazu bewegen, wenigstens die Anschrift des Drogisten noch an einer anderen Stelle zu deponieren. Erst auf die ehrenwörtliche Versicherung, daß wir keine eigenen Erkundungen einziehen würden – Nebe kannte die Technik der Folterungen und wollte keinen mit einer unnötigen Mitwisserschaft belasten – wurden diese wenigen Zeilen 1941 zu den „Zossener Papieren“ genommen. Das war jene Aktensammlung des Abwehrgenerals Hans Oster, in der die wesentlichen Unterlagen des militärischen und zivilen Widerstandes aufbewahrt wurden, darunter die Berichte über die Polengreuel, Teile vom Tagebuch des Admirals Canaris, Material über die Geheimverhandlungen im Vatikan zwischen Beck, Joseph Müller und Pater Laiber, aber auch Akten über so weit zurückliegende Vorgänge wie den 30. Juni 1934 und die Fritsch – Krise 1934. Diese Zossener Papiere sind wohl mit den Hauptfakten über den 20. Juli vernichtet worden.

Nun behauptet Tobias keineswegs, daß die von mir im Jahre 1946 erstmals veröffentlichte Rall-Reineking-Geschichte unwahr sei – er verschweigt sie einfach. Aber man kann doch bei einer „abschließenden“ Würdigung des Reichstagsbrandes unbequeme Tatsachen nicht einfach unter den Teppich fegen! Schließlich handelt es sich um höchst präzise Angaben. Und ich behaupte heute erst recht: Wenn man will, lassen sich genügend Unterlagen oder Zeugenaussagen auftreiben, die diese Angaben bestätigen.

Da sind ja auch die von mir damals publizierten Daten zu dem Falle des Justizangestellten Reineking: Seine, plötzliche Versetzung von der Justiz zum Polizeidienst, seine Blitzkarriere vom einfachen SA-Mann zum Standartenführer im Gruppenstab, seine pompöse Heirat in einem märkischen Dorf unter Assistenz des Gruppenführers und Staatsrates Karl Ernst samt dessen großem Gefolge, seine alsbaldige Verhaftung nach dem 30. Juni 1934 und schließlich sein „Selbstmord“ in Dachau. Das alles kann doch keine bloße Erfindung sein!

Allenfalls könnte man immer noch sagen, trotz des merkwürdigen Zusammenfallens der beiden Affären Rall und Reineking sei der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhanges mit dem Reichstagsbrand nicht erbracht. Doch kein Geringerer als der damalige Gestapochef Diels hat dieses Argument zerschlagen. Er hat ausdrücklich bestätigt, daß es „ein Drama um den Berufsverbrecher Rall“ gab, „den die Schergen Ernsts ermordet hatten, weil er sich in der Tat gerühmt (!) hatte, von den Vorbereitungen zu dem Brand gewußt zu haben“.

Ich frage, warum Tobias diese Bekundung des einstigen Geheimpolizeichefs Diels zum Thema Reichstagsbrand einfach verschweigt? Schließlich handelt es sich um die Bekundung jenes Mannes, der kraft seines Amtes am besten informiert war. Ich frage weiter, ob es von Göring wirklich nur jene einzige Äußerung über seine Mitverantwortung am Reichstagsbrand zu berichten gibt, die der damalige Polizeiminister nach 1945 angeblich gemacht haben soll – und deren Fälschung erwiesen ist? Nicht zuletzt frage ich, ob es sich nicht für Tobias bei seiner jahrelangen Untersuchung gelohnt hätte, wenigstens ein bißchen nachzuprüfen, was es mit dem „Drama“ Rall für eine Bewandtnis hatte – und ob, am Ende dieser oder jener Akteur des 27. Februar 1933 oder einer von den eingeweihten Kumpanen des Gruppenführers Ernst noch übriggeblieben ist?

Nun, Tobias schweigt. Ich werde antworten.

Schluß in der nächsten Nummer:

DER KRONZEUGE LEBT

Eine Historiker - Kommission muß den Reichstagsbrand klären