Von Hans Bernd Gisevnis

Das Geheimnis des Reichstagsbrandes ist noch nicht gelüftet – auch nicht durch die Spiegel-Serie des Oberregierungsrates Fritz Tobias. Dr. Hans Bernd Gisevius, der diese Serie in der ZEIT kritisch unter die Lupe nahm, hat sich von vornherein nicht anheischig gemacht, den mysteriösen ersten Kriminalfall des Dritten Reiches abschließend zu klären. Aber er hat so viele Zweifel an der Tobias-These von der Unschuld der Nationalsozialisten erweckt, daß sie nicht, wie der Spiegel meinte, als letztes Wort gelten kann. Wir unterstützen daher seine Forderung: eine unabhängige Untersuchungskommission sollte den Fall aufrollen.

Der Spiegel- Autor Tobias ist ausgezogen, die Unschuld der Nationalsozialisten am Reichstagsbrand zu beweisen. Aber läßt sich nicht umgekehrt der Nachweis erbringen, daß die Brandstiftung im Reichstag die erste gezielte braune Propagandaaktion war – der erste nationalsozialistische Staatsstreich? Ich behaupte: Ja.

Freilich muß man den Willen und die Fähigkeit zur kritischen Beurteilung aller erreichbaren Unterlagen haben. Man darf nicht unbequeme Tatsachen verschweigen. Und man darf erst recht nicht mit Halbwahrheiten arbeiten. Daß Fritz Tobias keineswegs mit der nötigen Objektivität an seine Untersuchung gegangen ist, ist mit vielen Beispielen zu belegen. Hier nur einige typische:

• Tobias behagen die Gutachten der Brandsachverständigen nicht, nach denen der Reichstagsbrand nie und nimmer von Lübbe gelegt worden sein kann. Hätten nämlich die Sachverständigen recht, dann wäre es aus mit seinem Reinwaschungsversuch. Folglich brandmarkt Tobias die Experten als „naiv oder gewissenlos“, und er spottet über ihre „Phantasieprodukte“ und „Taschenspielertricks“. Um die hinderlichen Sachverständigen zu diskreditieren, tut er noch ein übriges: Er fälscht. Er beklagt, daß von der Qualität der Sachverständigen praktisch die Gerechtigkeit eines Urteils abhänge, und fährt dann fort:

So war es auch im Reichstagsbrandprozeß. Bemerkte der Schweizer Journalist Ferdinand Kugler in seinem Prozeßbericht am 23. Oktober 1933: ,Nach einem bösen Wort wird Deutschland von den Sachverständigen zugrunde gerichtet.’

Im Reichstagsbrandprozeß jedenfalls haben die Brandsachverständigen alles getan, um dieses „böse Wort“ zu rechtfertigen ...