Ch. B., Berlin, im April

Besteht nicht die Möglichkeit, einen Ausgleich zu schaffen, damit im Interesse des Landes Berlin nicht noch mehr schmutzige Wäsche gewaschen wird?“

Mit diesen beschwichtigenden Worten versuchte der Vorsitzende eines erweiterten Schöffengerichts in Westberlin die unerquickliche Affäre zu bereinigen, in der sich zwei Lehrer der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin, der ordentliche Professor Andreas Paulsen, 61 Jahre alt, und der Honorarprofessor Oskar Klug, 57 Jahre alt, im Gerichtssaal gegenüberstanden. Klug war angeklagt, sich der Beleidigung, der Verleumdung und der üblen Nachrede gegenüber Paulsen schuldig gemacht zu haben. Paulsen war als Nebenkläger aufgetreten; Hauptkläger war der Akademische Senat der Freien Universität.

Der Gerichtsvorsitzende predigte tauben Ohren. Klug zeigte sich zwar zu einem Vergleich bereit, aber Kläger und Nebenkläger lehnten es aus Prestigegründen ab, ihren Strafantrag zurückzunehmen.

Die Sache hatte mit einem Brief angefangen, den der Honorarprofessor Klug im Mai 1957 an den Westberliner Innensenator schrieb. Klug behauptete, Paulsen – bis zum Sommersemester 1957 Rektor der Freien Universität – sei ein aktiver Förderer des Nationalsozialismus gewesen, habe seine Ernennung zum Ordinarius an der Universität Jena im Jahre 1947 dann seiner aktiven Mitgliedschaft in der SED verdankt und habe es schließlich „auch in seiner Eigenschaft als Rektor der FU für notwendig erachtet, alle personellen Fragen unter dem Gesichtspunkt des eigenen persönlichen und materiellen Vorteils zu sehen und zu behandeln“.

Klug, der stets versichert, aus lauteren und rein sachlichen Motiven zu handeln, hatte sich seit 1948, als er an der frisch gegründeten Freien Universität eine Honorarprofessur erhielt, vergeblich bemüht, ein Ordinariat zu erwerben und sich damit feste Einkünfte zu sichern. Zu der Zeit, als er den Brief in den Innensenator abfaßte, wäre ihm dies besonders willkommen gewesen, weil seine hauptamtliche kaufmännische Betätigung in der Textilbranche wenig abwarf und er mit einem stattlichen Betrag in der Kreide stand.

Klugs Schreiben ging auf dem Dienstweg vom Innensenator zum Akademischen Senat der Freien Universität. Der amtierende Rektor, Professor Dr. Gerhard Schenck, war sofort bereit, seinen Vorgänger Paulsen zu decken. Dem Senat wurde vorgeschlagen, eine Art von Vertrauensvotum einstimmig anzunehmen. Falls die Einstimmigkeit nicht erreicht werden sollte, gelobten Schenck und der damalige Prorektor Paulsen zurückzutreten. Die Einstimmigkeit kam nicht zustande. Schenck und Paulsen aber blieben im Amt. Auf Anraten des ordentlichen Professors der Rechte Dr.Ernst Heinitz erstattete der Senat schließlich Strafanzeige gegen Klug.