Erwachsenenbildung in der Bundesrepublik – Seite 1

Von Hellmut Becker

Volkshochschulen und Volksbüchereien gibt es seit einigen Jahrzehnten, evangelische und • katholische Akademien gibt es seit dem zweiten Weltkrieg. Aber eine Schule ist für jedermann eine Schule und eine Universität eben eine Universität, während sich viele Menschen trotz freundlicher Artikel in der Presse unter den gegenwärtigen Einrichtungen der Erwachsenenbildung doch im Grunde nicht sehr viel vorstellen können. Natürlich weiß jedermann ungefähr, was eine Volkshochschule ist, aber man weiß auch, was ein Gesangverein oder was die Heilsarmee ist; sehr konkrete Vorstellungen verbinden sich mit all dem bei den meisten Menschen nicht; auf jeden Fall erscheinen sie als Einrichtungen, die das Leben schmücken und bereichern oder unbekannte Notstände lindern, aber doch nicht für die bundesrepublikanische Gesellschaft in dem Sinn notwendig sind, wie die Kirchen, die Streitkräfte, die Fußballplätze oder die Opernhäuser.

Der nach dem Vorbild der englischen Royal Commission von Bund und Ländern vor sieben Jahren als Ersatz für ein deutsches Bundeskultusministerium geschaffene Experten-Ausschuß hat soeben ein Gutachten „Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung“ veröffentlicht. (Empfehlungen und Gutachten des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen, 4. Folge, Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung, Ernst Klett-Verlag,’Stuttgart, 1960, 78 S., 2,40 DM).

Das Gutachten beweist, daß Volkshochschulen und Volksbüchereien, aber auch die konfessionellen Einrichtungen der Erwachsenenbildung, zum Funktionieren der modernen Gesellschaft unentbehrlich sind. Die Menschen der säkularisierten Welt, die nicht mehr von ständischen Gliederungen und ständischer Sitte gehalten sind, bedürfen der fortlaufenden Orientierung, um sich in der modernen Welt behaupten zu können und um nicht beliebig manipulierbare Masse zu werden. Man wundert sich nicht, daß schon im Augenblick, in dem der Ausbau der Erwachsenenbildung erst am Anfang steht, Millionen von Menschen an den Bildungskursen der Volkshochschulen teilnehmen. Die Notwendigkeit des Ausbaues der Erwachsenenbildung ist ein Weltproblem, es ergibt sich aus der Situation der Gesellschaft und der geistigen Situation einer Zeit, in der letzten Endes jeder mit den großen Problemen von der Atombombe bis zur künstlichen Herstellung von Leben fertig werden muß.

Die Erwachsenenbildung erscheint in diesem Gutachten als dritter gleichberechtigter Bildungszweig neben Schule und Berufsbildung. Während der Rahmenplan für das allgemeinbildende Schulwesen, den der Deutsche Ausschuß vor einem Jahr veröffentlicht hat, seine Vorstellungen von Inhalt, Ziel und Theorie einer modernen Bildung höchstens ahnen ließ, hat der Deutsche Ausschuß gerade am Beispiel der Erwachsenenbildung zu den geistigen Grundfragen erstmalig ebenso mutig wie originell Stellung genommen.

Hier werden die Elemente einer nachidealistischen Bildungskonzeption sichtbar, und es ist vielleicht kein Zufall, daß diese Konzeption nicht an der Schule, in der die idealistischen Bildungsvorstellungen seit hundert Jahren verdinglicht sind, sondern am neuen Bildungszweig, der Erwachsenenbildung, entwickelt wird. Freiheit und Bindung, Kultur und Zivilisation, Wissenschaft und Technik, Glauben und Vernunft, Intellekt und menschliche Haltung, Anpassung und Widerstand, Tradition und Gegenwart, Staat und Gesellschaft, Ausbildung und Bildung werden in ihrer Polarität, in ihrer Spannung gesehen, aber zugleich in ihrer Zusammengehörigkeit erkannt. Unsere pluralistische Gesellschaft wird als solche akzeptiert und der Versuch abgelehnt, sie von irgendeinem Menschenbild oder von einem bestimmten Weltbild monopolisieren zu lassen.

Sehr deutlich wird, daß Technik aus geistiger Überlieferung entstanden ist und daher auch nicht ohne Verbindung zur geistigen Überlieferung bewältigt werden kann. Technik und Organisation erscheinen als Gefahren des Menschen, nach Erkenntnis der Gefahr aber gerade als echte Bildungskräfte.

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Der Ausschuß versucht nicht, kulturpessimistisch eine angeblich einmal heile Welt von einer zerfallenen abzuheben, sondern die Menschen in die Lage zu versetzen, unsere Welt, wie sie ist, zu bestehen. Die Anpassung an die moderne Welt wird ebenso wichtig genommen wie der personale Widerstand gegen sie. So entsteht eine Welt geistiger Spannung, wie sie einem sonst eher aus der modernen Dichtung vertraut ist.

An einzelnen Stellen liest sich das Gutachten wie ein Kommentar zu Camus und nicht wie ein deutscher Bildungsplan.

Statt von Erwachsenenbildung sollten wir besser, wie die Franzosen, von education permanente – ständiger Weiterbildung – sprechen. Es versteht sich von selbst, daß nicht alle Erwachsenen auf allen Sachgebieten gleichmäßig an dieser ständigen Weiterbildung teilnehmen können; Teilnehmer sind die lebendigen Minderheiten, die in allen sozialen und fachlichen Gruppen zu größter Aktivität bereit sind und die letzten Endes Leistung und Charakter ihrer Gruppe bestimmen. Diese aktiven Minderheiten erzeugen Spannung, ohne die die freie Welt wahrscheinlich schnell in die Zwangsformen eines öden Konformismus geraten würde.

Selbstverständlich soll nun nicht eine Elite von Volkshochschulhörern die Bundesrepublik regieren, eine alptraumartige Vorstellung. Der Gedanke der aktiven Minderheit ist in keiner Weise mit dem der Elite identisch. Das geht schon daraus hervor, daß die aktiven Minderheiten in den verschiedenen Sachgebieten nicht miteinander übereinstimmen. und weder durch Geburt noch durch soziale Stellung bestimmt werden. Nicht die Masse, sondern der aktive Teil einer Gruppe kann gebildet werden. Wenn das nicht geschieht, stagniert die gesellschaftliche Entwicklung. Das schließt nicht aus, daß auch für die Bildung der Masse zusätzlich etwas geschehen soll. Es bleibt nur wirkungslos, wenn die Bildung in den aktiven Minderheiten nicht gelingt.

Das Gutachten entwirft ein Bild von unserer geistigen und gesellschaftlichen Situation, aus dem klar hervorgeht, daß wir die Wahl haben zwischen einer Demokratie, in der eine ausgedehnte Erwachsenenbildung betrieben wird, oder einem totalitären Massenstaat vermutlich bolschewistischer Prägung.

Der beliebten Frage nach dem Leitbild der Erziehung, der Frage nach Freiheit und Bindung in der Bildung, wird in dem Gutachten nicht ausgewichen. Es gibt keine Freiheit ohne Bindung, aber auch keine Bindung ohne freie Entscheidung zu dieser Bindung. Die Erwachsenenbildung als Bewußtseinserhellung steht nicht mehr im Gegensatz zu den Möglichkeiten des Glaubens. Die zweite Aufklärung, von der das Gutachten spricht, ist nicht Kampf gegen den Glauben, sondern gibt dem Glauben Raum. Das Gutachten bejaht die legitimen Bildungsinteressen der verschiedenen weltanschaulichen und gesellschaftlichen Gruppen und erkennt die Bildungschance der Einrichtungen an, in denen sich die Menschen gemeinsamer Bindung zusammenfinden.

Für Staat und Gemeinde, überhaupt für die demokratische Öffentlichkeit, ist aber die offene freie Erwachsenenbildung die wichtigere, weil in ihr die Menschen aus den verschiedenen gebundenen Bereichen der Gesellschaft, Protestanten und Katholiken, sich zu gemeinsamer Bildung zusammenfinden können. Für die aktiven Minderheiten der verschiedenen Gruppen sollte die freie Erwachsenenbildung zur verbindenden Kraft werden. Diese Minderheiten – das zeigt sich in der Praxis immer wieder – werden sich dann auf Grund ihres stärkeren Engagements oft besser miteinander verstehen als mit den weniger engagierten Vertretern ihrer eigenen Richtung. In der Volkshochschule soll kein überkonfessionelles oder überparteiliches Weltbild herrschen, sondern innerlich engagierte Menschen aller Richtungen sollen sich in der Freiheit zusammenfinden, die das gemeinsame Medium aller europäischen Bildung ist.

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Die Fülle der Aufgaben der Erwachsenenbildung, von der politischen Bildung bis zur Bildung des Geschmacks, von den Kursen „Man benimmt sich wieder“ bis zu berufsorientierten Kursen, von der Einführung in die Entwicklungsländer bis in die Kompositionen von Alban Berg, wird in dem Gutachten erörtert. Die Diskrepanz zwischen der ungeheuren Aufgabe, die hier vor uns liegt, und der Unzulänglichkeit der bisher aufgewandten personellen, räumlichen und finanziellen Mittel wird klar ausgesprochen. Das Gutachten gipfelt in sehr konkreten Forderungen an Bund, Länder und Gemeinden über die verstärkte Förderung für Volkshochschulen und Volksbüchereien.

Für die Entwicklung von Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung ist dieses Gutachten ein Grundsatzprogramm, dessen Forderungen die bescheidene Lage dieser Bildungseinrichtungen langsam der Größe ihrer Aufgaben anpassen sollten. Für jeden von uns gibt das Gutachten einen Spiegel dieser Zeit, ohne Rezept, ohne Lösung im idealistischen Sinn, aber voller Spannungen und mit einer Vitalität, die wir im pädagogischen Raum nicht mehr gewohnt waren.