Von Paul Bolkovac S. J.

Mein Freund und Mitbruder Alfred Delp, der an einem Galgen im Gefängnis Berlin-Plötzensee am 2. Februar 1945 sein Leben zum Opfer brachte als Zeuge für die Ordnung Gottes und die Zukunft seines Volkes in einer mitternächtlichen Stunde der deutschen Geschichte, hat in einer Schrift „Der Mensch und die Geschichte“ seine Erfahrungen und Einsichten im Bild zusammengefaßt.

„Von vielen Blickpunkten aus erscheint der Strom der Geschichte als ein Strom der Tränen, des Blutes, voll treibender Trümmer und zerschlagener Hoffnungen. Und es ist nicht nur das Unglück, das die Wasser der Geschichte zum Bitterwasser macht und ihre Fluten so abgründig dunkel und chaotisch am Menschen vorbeitreiben läßt. Dunkler als das Unglück färbt das Unheil, das Unrecht, die Meintat, die Gewalttat das Bild der Geschichte. Auf ihren Wassern fahren die Schiffe mit den schwarzen Segeln, die Schiffe der Gewalt und des Unrechts, die Schiffe mit den roten Segeln, die Schiffe der Bluttat und des Todes, die Schiffe mit den grauen Segeln, die Schiffe der Not und der Sorge und der Verzweiflung, sie fahren und fahren.“

Diese Schiffe mit den grauen, roten, schwarzen Segeln verfolgen und bedrängen auch die Flotte des Wohlstands und der Wohlfahrt, sie fahren zwischen unseren Schiffen mit den silbernen (versilberten?) und goldenen (vergoldeten?) Segeln ...

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An Karfreitag bestätigt der Galgen von Golgatha nur die Erfahrungen, die wir Menschen, die wir in der Geschichte stehen, mit der Geschichte machen. Der Kreuzestod fügt gleichsam die Beglaubigung Gottes hinzu für die menschliche Einsicht, daß die Geschichte der Menschheit und innerhalb dieser Geschichte das Leben aller Menschen, jedes einzelnen Menschen auf weite Strecken ein Opfergang bleibt: Es gehört zum Schicksal des Menschen, in einer unvollendeten und unvollendbaren Welt zu leben.

Im Angesicht der Katastrophe vom Karfreitag, im Angesicht der Katastrophen der Geschichte ist jede Theorie ein Irrtum oder eine Lüge, wird jede Vision als Illusion entlarvt, die dem Menschen für irgendeinen Punkt der Zukunft die Freiheit vom Galgen seiner Endlichkeit und ihrer Folgen verspricht. Wo im Osten oder Westen – wenn hier auch anders als dort – der Traum eines allseits abgeschirmten, durch und durch erfüllten, ringsherum geglückten Daseins geträumt wird, hat man sich auf dem Wüstenmarsch der Geschichte von einer Fata Morgana verführen lassen. Im Prozeß der Geschichte ist für ein „Paradies“ im engeren oder weiteren Sinne des Wortes weder Platz vorhanden noch Platz zu schaffen.