Anfang Oktober 1959 sind im sowjetischen Nord-Kasachstan Streiks und Unruhen ausgebrochen, die von Truppenverbänden erst nach blutigen Kämpfen niedergeschlagen werden konnten. Jetzt sind die Nachrichten darüber in den Westen gelangt. Wolfgang Leonhard schildert nach Augenzeugenberichten, wie sich der Aufstand abspielte.

Das Zentrum des Unruheherdes lag in Kemir-Tau, einer Stadt von 50 000 Einwohnern, 30 Kilometer nördlich von Karaganda. In diesem Bezirk wird das große metallurgische Kombinat „Kasachstanskaja Magnitka“ errichtet. Zehntausende von Komsomolzen vor allem aus der Ukraine und Bjelo-Rußland waren dorthin zum Bau und zur Arbeit verpflichtet worden.

Die Unruhen begannen in einer provisorischen Zeltstadt, in der 3000 Komsomolzen unter armseligen Lebensbedingungen hausen mußten. Die Jugendlichen wurden viel schlechter entlohnt als die übrigen Arbeiter in diesem Gebiet. Noch entscheidender waren indes die Versorgungsschwierigkeiten und die miserable Verpflegung in der Kantine.

Am Sonnabend, dem 3. Oktober 1959, riß den Jugendlichen die Geduld. Sie legten die Arbeit nieder. Eine Gruppe von 50 Komsomolzen setzte die Kantine in Brand und zog zu dem anderthalb Kilometer entfernt gelegenen Marktplatz. Dort begannen die empörten Jugendlichen, die Kioske und Lebensmittelstände zu stürmen und die Waren unter sich aufzuteilen. Als die örtliche Miliz dies zu verhindern suchte, errichteten die Komsomolzen Barrikaden.

Bald trafen 1500 Komsomolzen aus der Zeltstadt zur Verstärkung ein, und der Aufruhr weitete sich auf die ganze Stadt Kemir-Tau aus. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag wurde der Milizchef von aufrührerischen Komsomolzen vor dem Milizgebäude aufgehängt. Sein Stellvertreter floh aus der Stadt. Am Sonntag stürmten die Komsomolzen das Verwaltungsgebäude der Kasachstanskaja Magnitka; nach einigen Berichten sollen sie dabei auch den Direktor getötet haben.

Um die Mittagszeit erfuhren die Komsomolzen, daß Truppen aus Karaganda „zur Wiederherstellung der Ordnung“ nach Kemir-Tau unterwegs seien. Sie lauerten ihnen im Hinterhalt auf, überwältigten drei Lkw mit Soldaten und setzten sich in den Besitz ihrer Waffen. Nach Augenzeugenberichten stand die Mehrheit der Bevölkerung auf Seiten der aufständischen Komsomolzen, aber aus Furcht vor Repressalien schloß sich nur ein Teil dem Aufstand an.

Im Laufe des Tages landeten dann mehrere Flugzeuge mit Truppen aus Alma Ata, Akmolinsk und Balchasch. Sie versuchten, den Teil der Stadt zu umzingeln, in dem sich die Komsomolzen verschanzt hatten. Die Komsomolzen ergaben sich jedoch nicht und griffen ihrerseits sogar mit drei Lastwagen an. Bis Sonntagabend waren nach Berichten des örtlichen Krankenhauses 91 Personen getötet und Hunderte verwundet.