Im Namen aller Fraktionen des Bundestages hat dessen Vizepräsident Professor Carlo Schmid letzte Woche eine Erklärung gegen das brutale Bauernlegen in der „DDR“ abgegeben. Wir drucken diese Erklärung ab, weil sie klar und deutlich die Hintergründe der jüngsten Vorgänge jenseits des Eisernen Vorhanges aufzeigt – und weil sie eindringlich ins Bewußtsein rückt, weshalb dieser neuerliche Anschlag auf die Freiheit der Mitteldeutschen einen jeden angeht.

Drüben, jenseits des „Eisernen Vorhangs“, geht ein neues Bauernlegen zu Ende. Man sagt den Betroffenen und uns, was getan werde, geschehe aus wirtschaftlichen Gründen, es sei ein Stück Rationalisierung der Landwirtschaft. In Wirklichkeit handelt es sich um etwas ganz anderes.

Totalitäre Machthaber haben es schwer, wenn auf ihren Gebieten Menschen wohnen, die leben können, ohne auf ihr Wohlwollen und ihre Gnade angewiesen zu sein – Menschen, deren Lebensumstände ihnen erlauben, wo es um die Dinge geht, die allein das Leben lebenswert machen, auch „nein“ zu sagen.

Darum suchen sie diesen Menschen die Grundlagen ihrer Unabhängigkeit zu entziehen. Sie haben dafür eine Menge von Techniken erfunden, und sie wenden diese der Reihe nach an, denn sie halten es für unklug, den Zaun, der die Freiheit der Bürger schützt, mit einem einzigen Tritt niederzulegen.

Der Arbeiter zum Beispiel ist ein unabhängiger Mensch, wenn und solange er Gewerkschaften hat, deren Organe aus freien Wahlen hervorgegangen und dem Staate gegenüber selbständig sind. Diese Selbständigkeit haben die Machthaber drüben gefürchtet, und so haben sie als erstes den Arbeitern die freien Gewerkschaften zerschlagen und an deren Stelle eine Staatsgewerkschaft gesetzt, die nichts anderes ist als eine Verlängerung des staatlichen Herrschaftsapparates bis in die Betriebe und Haushaltungen hinein.

Dem gewerblichen Mittelstand hat man auf weiten Strecken weggenommen, was ihm Unabhängigkeit gab und ihm möglich machen konnte, auch dem politischen Herrschaftsapparat gegenüber einen eigenen Willen zu äußern.

Nun sind die Bauern das Ziel. Solange ein Mensch auf einer Scholle sitzt, der mit Sachverstand, Fleiß und der Kraft seiner Arme den Boden bebaut, braucht er sich nicht auf die Gunst der Träger der Macht angewiesen zu fühlen. Zwar können diese ihn plagen; sie können ihm Abgaben auferlegen, die er nur unter schwersten Mühen leisten kann; aber im letzten bleibt er doch in den wesentlichen Bereichen seiner Lebensordnung ein unabhängiger Mann.