Weit eher als der – zunächst von bloßem Selbsterhaltungswillen diktierte – Wiederaufbau der Bundesrepublik, verdient die im letzten Jahr bewiesene westdeutsche Solidarität mit dem bedrohten Berlin den Namen eines „Wirtschaftswunders“. Die Hilfe für Berlin enthielt anfänglich zahlreiche Risiken. Heute, nach monatelangen erregten Berlin-Debatten, hat die wirtschaftliche Normalisierung der Stadt Fortschritte gemacht, die alle Erwartungen übertroffen haben.

Seit der Initiative von BDI-Präsident Fritz Berg, der im Dezember 1958 die deutsche Wirtschaft im westfälischen Altena zur Hilfe an Berlin aufrief, haben private und öffentliche Maßnahmen die Berliner Wirtschaft gestärkt. Die Hilfe war wirksam, weil sie nicht darauf ausging, den Bewohnern der Stadt Beweise der Mildtätigkeit zu liefern, sondern auf die Aktivierung produktiver Kräfte gerichtet war.

Die Industrie, die 1950 mit durchschnittlich 148 000 Beschäftigten einen Gesamtumsatz vor. 1,77 Mrd. DM erzielte, setzte 1959 mit durchschnittlich 298 000 Beschäftigten Erzeugnisse im Gesamtwert von 8,16 Mrd. DM ab. Ihr Produktionsindex (1936 = 100) stieg in diesem Jahrzehnt von 32 auf 133.

Die Lieferungen der Westberliner Wirtschaft in das Bundesgebiet nahmen von 1,0 Mrd. DM auf 5,6 Mrd. DM zu; das Exportvolumen wurde von 98 Mill. DM auf 1,15 Mrd. DM ausgeweitet Das gesamte Steueraufkommen, das noch 1955 nur 1,38 Mrd. DM ausmachte, war vier Jahre später mit 2,58 Mrd. DM fast doppelt so hoch, obwohl Berlin bekanntlich beträchtliche Steuervorteile genießt.

Die Arbeitslosenzahl, die beim Ende der Blockade 300 000 bei 2,2 Millionen Einwohnern betragen hatte, war zehn Jahre später trotz des ständigen Zustroms von Flüchtlingen aus der Sowjetzone auf 36 000 und damit unter die Grenze abgesunken, bei der man gemeinhin von Vollbeschäftigung spricht. Diese Erfolge könnten um viele Beispiele aus anderen Wirtschaftszweigen vermehrt werden.

Den Aktivposten einer zehnjährigen Wiederaufbau-Bilanz (die sich im „Krisenjahr“ 1959 entscheidend verbessert hat), stehen keine ausgesprochenen Mißerfolge gegenüber. Wohl aber sind einige Absichten nicht verwirklicht worden. Das gilt vor allem für das Ziel, die Lebensfähigkeit der Stadt aus eigener Kraft sicherzustellen.

Das Bruttosozialprodukt Westberlins hat im vergangenen Jahr eine Höhe von 10,6 Mrd. DM erreicht. Darin ist ein Betrag von 1,5 bis 2 Mrd. DM enthalten, der nicht durch die Stadt erwirtschaftet ist, sondern einer unmittelbaren Kaufkraftübertragung aus der Bundesrepublik entspricht. Er setzte sich zusammen aus Bundeshilfen, aus Renten- und Pensionsleistungen für den überdurchschnittlich hohen Anteil alter Jahrgänge an der Bevölkerung Berlins. Erst wenn die einheimische Produktion an die Stelle dieser seit Jahren „geschenkten“ Kaufkraft tritt, ist die Stadt wirklich „selbsttragend“ geworden. Solange Berlin daran gehindert wird, seine natürliche Rolle als Hauptstadt zu spielen, kann dieses Defizit der eigenen Wertschöpfung nur durch eine stärkere Industrieproduktion wettgemacht werden.