London, Mitte April

Derei Tage lang hatten, die Engländer einen großen. Mann zu Gast. Man hatte hier fast vergessen gehabt, wie groß. Staatspräsident Charles de Gaulle eigentlich ist. Zudem: Bei seinem letzten England-Aufenthalt kurz vor Kriegsende war es ein sauertöpfischer de Gaulle gewesen. Fünfzehn Jahre später stellten die Briten fest, daß er lächeln kann und in Würde gealtert ist.

De Gaulles Größen-Wirkung hatte noch eine andere Ursache: Die Engländer sind eine so unverhüllte Schau von Grandeur nicht gewohnt. Die männlichen Mitglieder der königlichen Familie verschränken in der Öffentlichkeit die Hände auf dem Rücken und benehmen sich betont zurückhaltend. Auch die britischen Premierminister möchten möglichst wie gewöhnliche Bürger aussehen. Sie kultivieren geradezu den Eindruck, sie seien nur Amateure, die ein Zufall in Amt und Würden getragen habe. Der betont aufrecht schreitende de Gaulle überragte nicht nur physisch seine Gastgeber, er sah auch bedeutend wichtiger und mächtiger aus als sie. Und sein Publikum war einhellig der Meinung, daß es zur Zeit in England keinen gleich großartigen Redner gibt.

In der Westminster Hall traf der General die wichtigen Feststellungen des Staatsbesuches. Seine Differenzen mit Churchill – der im zweiten Weltkrieg einmal stöhnte, von allen Kreuzen, die er zu tragen habe, sei das von Lothringen das schwerste – seien vergessen, gehörten der Geschichte an. De Gaulle trat für eine Abschaffung der Atomwaffen ein, und er sprach auch von den Deutschen, „die gestern unsere Feinde waren, heute aber wichtiger Partner des Westens und unser gemeinsamer Verbündeter sind“.

Es mochte in England den einen oder anderen Anti-Deutschen geben, der sich von einer Belebung des Bündnisses London-Paris eine Schwächung der „Achse Paris-Bonn“ versprochen hat. Der konservative „Daily Telegraph“ kam aber nach dem Besuch de Gaulles zu dem Schluß: „Die gegenwärtigen Verhältnisse in Europa ermöglichen stärkere Bande zwischen drei Staaten – England, Frankreich, Bundesrepublik –, Bande, die auch nach einem Abgang de Gaulles und Adenauers halten.“

Neben der großen Diplomatie und den großen Veranstaltungen gab es eine kleine Episode, an die sich ihre Augenzeugen auch dann noch erinnern werden, wenn die Reden vergessen und die 25 000 Nelken in der Königlichen Oper längst verwelkt sind: de Gaulles Besuch bei Churchill. Kurz vor einem Staatsbankett donnerte die Motorrad-Kavalkade, die de Gaulles Wagen absicherte, in die stille Sackgasse, in der Churchills Stadtwohnung liegt. Sir Winston öffnete selbst. Er trat auf die Eingangsstufen hinaus und begrüßte seinen Gast so herzlich, als habe es zwischen ihm und de Gaulle nie auch nur die geringste Spannung gegeben. Beide lächelten, als sie im Haus verschwanden.

Eine halbe Stunde später – es regnete heftig – kamen sie wieder heraus. De Gaulle stieg in seinen Wagen. Der alte Sir Winston ging mühevoll einige Schritte auf die Straße, näher an den Wagen heran. Zitternd hob er seine linke Hand und machte lächelnd das berühmte V-Zeichen. Er trug weder Mantel noch Hut. Der Regen durchnäßte ihn. De Gaulle winkte zurück. Als der Wagen aus der Straße bog, lag eine tiefe Traurigkeit auf de Gaulles Antlitz: Zwei große Männer hatten sich wohl zum letztenmal gesehen.

Ein Londoner Polizist löste die Menschenansammlung vor Churchills Wohnung auf. „Das war’s“, sagte er, „c’est tout“. Er sah dabei aus, als werde er gleich weinen. Michael Davie.