Von Walter Jens

Die einsamen Frauen, ein kurzer, von sehr zarten Dialogen bestimmter Roman, stammt aus Paveses letzter Zeit. Als ein Präludium des Meisterwerks junger Mond steht er im Zeichen des nahenden Todes: Wie das Mädchen Rosetta, die unter den einsamen Frauen die einsamste ist, endete auch Pavese durch Selbstmord in einem Turiner Hotel. Seltsam, makaber, gespenstisch: ein Autor bestimmte in seinem vorletzten Buch die Szenerie des eigenen Sterbens; das Leben folgte der geträumten Fährte des Romans –

Cesare Pavese: "Die einsamen Frauen", übersetzt von Catharina Gelpke; Claassen Verlag, Hamburg; 128 S., 12,80 DM.

Immer wieder kreisten Paveses Gedanken um seine Heimat: Das Piemont war ihm die Welt, Turin das Herz der Zeit. Von hier ging er aus, hierher kehrte er heim und nahm damit das Schicksal des ihm in so vielem Verwandten, Albert Camus’, vorweg: Auch der Franzose begann mit der Beschwörung des heimatlichen Oran, auch er fand am Ende nach Algerien zurück – und zu den einfachen Dingen unter der Sonne. Der Mutter und dem Himmel, dem mittäglichen Schweigen und den Bewegungen des Meers galten die letzten Pläne, Meditationen jenseits von Ehre und Glanz.

"Die einsamen Frauen" sind eine Heimkehr-Geschichte: Man kennt Paveses – aber auch Vittorinis – Vorliebe für die Gestalt dessen, der sich in der Welt umgetan, es zu Ruhm und Ansehen gebracht hat und nun, erwartungsvoll, nach Hause kommt. Clelia, die Erzählerin des Romans, ein Kind aus den Slums von Turin, ist in Rom eine große Modistin geworden.

Ein Auftrag ihrer Firma bringt sie nach langen Jahren zurück an die Stätten der Kindheit. Dort aber erwartet sie nichts als Enttäuschung und Leere: Was gewesen ist, kehrt niemals mehr wieder. Der Traum vom Ruhm verflüchtigt sich ... für Clelia, für Cesare Pavese, der zur Zeit, als er "Die einsamen Frauen" konzipierte, in sein Tagebuch schrieb: "Damit einem der Ruhm Vergnügen macht, müssen Tote auferstehen, Alte wieder jung werden, Menschen, die fern sind, zurückkehren. Wir haben vom Ruhm geträumt in einer kleinen Umwelt, zwischen Familien-Gesichtern, die für uns die Welt waren, und möchten, nun wir erwachsen sind, den Widerschein unserer Unternehmungen und Worte in jener Umwelt sehen, im jenen Gesichtern. Sie sind entschwunden, sind verstreut, sind tot. Sie werden nie mehr zurückkehren. Und dann suchen wir verzweifelt umher, suchen die Umwelt wieder zu schaffen, die kleine Welt, die uns zwar nicht anerkannte, uns aber wohlwollte und über uns staunen sollte. Aber sie ist nicht mehr da."

Nicht zufällig fangen Clelia und Cesare mit dem gleichen Buchstaben an. Von der enttäuschenden Heimkehr der vergeblich zu Ruhm Gekommenen bis zum Selbstmord Rosettas, der in Worten vorweggenommen wird, denen die alte, mythischgierige Fluchkraft des Herbeizauberns zusteht, ist dies selbst erlebt. Hier legt ein Schriftsteller nicht nur die eigene, Vergangenheit bloß und bestimmt seinen gegenwärtigen Zustand: Hier verfügt er auch über seine Zukunft. Das ist, weiß Gott, erschreckend genug. Erstaunlich, legendär nahezu aber wird Paveses Versuch erst durch die Art der Distanzierung: Mitleidslos, neugierig und furchtlos schaut er sich selbst, in die Modistin Clelia verkleidet, zu.