Von Thilo Koch

Wie sehen sie aus, diese deutschen Studenten des Jahres 1960? Was steckt in ihnen? Was wollen sie? Was werden sie machen?

Wie ich sie im „Audi Max“, dem lichtvollbequemen „Großen Hörsaal“ des Henry-Ford-Baus der Freien Universität vor mir hatte, sahen sie eigentlich genauso aus wie vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Allerdings, wir liebten weite Hosen und lange Haare, und wir hatten keine so modernen Hörsäle; der Jazz war für uns Ausdruck von Opposition – heute würde man sagen: von Nonkonformismus; aber unsere „Kommilitoninnen“ sahen schon genauso ungepflegt aus (jedenfalls in der Philosophischen Fakultät) wie die Mehrzahl der wenigen Studentinnen auf diesem „VI. Deutschen Studententag“, der vom 4. bis 8. April in Berlin tagte.

Was steckt in ihnen? Ich ahne es nicht. Wahrscheinlich sitzen da in den Reihen der nahezu 1000 Studenten aus dem Bundesgebiet und aus Westberlin ebenso wie seinerzeit unter uns ein potentieller „Reichsstudentenführer“, wie andrerseits die möglichen Geschwister Scholl von morgen.

Was sie wollen? „Abschied vom Elfenbeinturm“ schrieben sie diesmal über ihren alle zwei Jahre tagenden Hauptkongreß. Und was sie machen werden? Niemand weiß es, aber es ist interessant genug, denn es wird Deutschlands Zukunft bedeuten; sie, die Studenten von 1960, werden in zwanzig, dreißig Jahren in unserem Land die Lehrer und die Wirtschaftler, die Geistlichen und die Forscher, die Politiker und die leitenden Beamten sein.

Einer ihrer Sprecher sagt in der leidenschaftslosen Nüchternheit, die sie fast alle bevorzugen: Mut zur Politik in den Hochschulen, Revision des Geschichtsunterrichts in den höheren Schulen, das sei alles gut und schön, aber die Wurzel des Übels liege im Elternhaus, in den Vorurteilen, die der junge Mensch hier auf seinen ganzen Lebensweg mitbekomme. Ungewöhnlich starker Beifall. Ein schwer zu deutender Beifall: Händeklatschen und Zischen durcheinander. Zwischenrufe: „Vaterkomplex!“ – „Die alten Herrschaften sind eben politisch kompromittiert!“ – „Mußt ja ’n komisches Zuhause haben!“ – „Verallgemeinerung!“ Offensichtlich ist hier ein Nerv getroffen. Sonst wirkten diese Zuhörer auf mich eher schwunglos, reserviert, bestellt, müde. Aber sie klatschen auch brav und fast lebhaft, als gesagt wird: „Was sollen wir mit Lehrern, die sich fünf Tage in der Woche autoritär gebärden und einen Tag pflichtschuldigst in Demokratie machen!“

Zur Sache werden viele „goldene“ Worte gesagt. Die Studenten scheinen sich, was das „Grundsätzliche“ angeht, in prästabilierter Harmonie zu befinden mit ihren Lehrern, ja mit den Vertretern des Staates. Volksbildungssenator Professor Tiburtius erklärt gleich zu Beginn, vier v. H. des Volkseinkommens für wissenschaftliche Forschung und Lehre, das sei zu wenig; mindestens sechs v. H. seien erforderlich. Gut. Aber niemanden habe ich fragen hören, ob denn immer nur der Appell an Vater Staat das einzig Mögliche sei; könnte nicht eine Krupp-Stiftung entstehen, wie es eine Ford-Foundation gibt? Rockefeller steckte Hunderte von Millionen in die amerikanische Wissenschaft. Was tun Flick, Schliecker, Oetker, um nur ein paar Namen zu nennen aus der Reihe der 3500 Millionäre der Bundesrepublik?