Von Egon Vacek

In den letzten viertausend Jahren hat die Menschheit nach den Berechnungen amerikanischer Historiker nur 286 Jahre in Frieden gelebt. Über 100 Milliarden Dollar – rund 420 Milliarden Mark – werden zur Zeit in der Welt jährlich für die Rüstung ausgegeben, so stellte ein Unterausschuß des amerikanischen Senats fest. Die Waffentechnik aber hat einen Stand erreicht, bei dem es im Konfliktsfalle keinen Sieger geben kann, sondern höchstens noch Überlebende ...

Die Rechnung scheint einfach: Schluß also mit dem Wettrüsten, die Atomwaffen nieder, die freiwerdenden Gelder in die Entwicklungsländer, wo sie Wohlstand bilden und Spannungen vermeiden helfen! Doch geht diese Rechnung auf?

Weder im Westen noch im Osten mangelt es an Einsicht. Aber die Mutter der Rüstung ist das Mißtrauen, und die Mutter der Abrüstung kann nur Vertrauen sein. Heute fehlt es noch daran: Das Gleichgewicht der Schreckenswaffen ersetzt das Vertrauen. Und das gegenseitige Mißtrauen läßt sich nur auf einem Wege überwinden: durch strenge Kontrollen aller Abrüstungsmaßnahmen.

Der Osten freilich fordert seit 15 Jahren das Vertrauen vorweg: Er ist neuerdings allenfalls bereit, Abrüstungsmaßnahmen und nicht näher bestimmte Kontrollen parallel laufen zu lassen. Der Westen meint hingegen, erst müsse man sich über ein Kontrollsystem einigen, dann könne man über die Abrüstung reden. Genau dies ist auch wieder das Dilemma der beiden Konferenzen, die derzeit in Genf tagen.

Seit fast 18 Monaten beraten im Saal VIII des Genfer UN-Palais des Nation die Atommächte USA, England und Sowjetunion über ein kontrolliertes Verbot der Atomwaffenversuche; seit Mitte März konferieren im Saal VII desselben Gebäudes fünf Weststaaten (USA, England, Frankreich, Italien, Kanada) und fünf Oststaaten (UdSSR, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien) über ein Abrüstungsprogramm, das die atomaren und die konventionellen Waffen umfaßt. Die große Konferenz im Saal VII ist schon in eine Sackgasse geraten. Ende April wird sie sich für sechs Wochen vertagen und ihre Arbeit erst im Juni – nach dem Pariser Gipfel – wieder aufnehmen.

Besser steht es um die Atomkonferenz im Saal VIII, bei der es um die Einstellung der Kernwaffen-Erprobung geht. Sie hat, so will es scheinen, eine entscheidende Wende genommen, seit sich die Sowjets überraschend damit einverstanden erklärten, die mit den gegenwärtigen wissenschaftlichen Apparaten nicht festzustellenden „kleinen“ unterirdischen Experimente zunächst aus dem Vertrag über ein Versuchsverbot auszuklammern. Die Russen wollen der Einstellung der entdeckbaren Test-Explosionen zustimmen, sofern der Westen bereit ist, für vier oder fünf Jahre freiwillig auf alle gegenwärtig nicht feststellbaren Tests zu verzichten. Während dieses „Moratoriums“ sollen Forscher aus Ost und West Mittel und Wege finden, kleine Tests unterhalb der gegenwärtigen Feststellungsschwelle zu orten.