A. W. A., Berlin

Sie machte einen so vertrauenswürdigen Eindruck“, erzählte die alte Dame, die als Zeugin geladen war, „sie war sauber gekleidet und ordentlich frisiert, ganz wie ein frisches, nettes junges Mädchen.“ Vertrauen auf den ersten Blick – das war die psychologische Waffe der 28jährigen Berliner Trickdiebin Margot Schulze. Sie „arbeitete“ sechs Jahre lang in den Bezirken Kreuzberg und Neukölln, zweihundertmal hatte sie mit ihrem Trick Erfolg, etwa 8000 Mark wanderten in ihre Tasche.

Die Diebin hatte es auf alte Damen abgesehen. Sie lauerte ihren Opfern an den Postämtern und Rentenzahlstellen auf, verfolgte sie auf dem Weg über Markthallen und Wochenmärkte bis zur Wohnung und erbot sich dann, die Einkaufstasche nach oben zu tragen. Im Geschwindschritt beförderte sie die ihr anvertraute Tasche nach oben und verabschiedete sich – noch im Treppenhaus – eilig, aber liebenswürdig.

„Sie sah so nett aus“, bestätigte eine 82jährige Zeugin mit zitternder Stimme. „Sie sagte: Geben Sie ruhig her’, und als ich zögerte, lachte sie mir zu: ‚Sie sind schon alt, und mir macht’s Spaß.‘ Im Nu war sie wieder unten. ‚Seh’n Sie, wie schnell das ging?‘ ‚Es gibt doch noch gute Menschen‘, sagte ich und bedankte mich. Als ich oben ankam, fehlte meine Geldbörse mit 42 Mark. Das ist viel Geld für mich bei 104 Mark Rente.“

Eine andere Zeugin ist blind. „Ja“, erklärt die Angeklagte auf die Frage des Vorsitzenden, „viele der Frauen trugen eine gelbe Armbinde.“

„Ich war drauf und dran, den Gashahn aufzudrehen“, sagt eine Siebenundsiebzigjährige, „als ich merkte, daß die ganzen 200 Mark weg waren, die ich gerade geholt hatte.“

In allen 162 Fällen, die jetzt vor Gericht aufgerollt wurden, das gleiche Bild. „Wußten Sie denn nichts von dem Rentnerinnenschreck fragt der Richter ein altes Mütterchen, das seine Ersparnisse – fast 400 Mark – eingebüßt hat. „O doch, ich hatte ja von ihr und ihren Finten gelesen. Aber als sie vor mir stand, dachte ich: Unmöglich, das kann sie nicht sein! So freundlich war sie, so natürlich ...“