h. e., Lübeck

Bei der Verhandlung waren Lübecks Richter unter sich: Hinter dem Richtertisch saß Amtsgerichtsrat Dr. Mix, Vorsitzender des erweiterten Schöffengerichts, auf der Anklagebank Landgerichtsrat Hans-Joachim Fischer, angeklagt wegen Trunkenheit am Steuer, Fahrerflucht, Vortäuschung einer Straftat und Anstiftung zur Begünstigung.

Im Februar des vergangenen Jahres hatte Fischer mit seiner Freundin, einer Aufseherin in der Frauenabteilung der Lübecker Strafanstalt Lauerhof, eine Landpartie unternommen, die abends in einem Lübecker Lokal endete. Der verheiratete Landgerichtsrat und seine Freundin wollten Versöhnung feiern. Beim Abschiedstrunk aber entstand neuer Streit. Fischer lief erzürnt aus dem Lokal zu seinem Mietwagen und fuhr mit seiner Begleiterin davon. Kurz nach dem Start rammte er einen parkenden Personenwagen, dann streifte er eine Straßenbahn. Von dem Fahrer des beschädigten Wagens verfolgt, fuhr er noch einen Kilometer weiter und suchte dann Rettung in einer dunklen Nebenstraße. Es war eine Sackgasse, die zum Polizeidepot führte ...

Durch die Lokalpresse wurden die nächtlichen Eskapaden des Landgerichtsrats bekannt. Fischer schrieb einen Brief an seinen Vorgesetzten, den Landgerichtspräsidenten. Nicht er, sondern ein ihm nur dem Namen nach bekannter Mann habe den Wagen gesteuert. Dieser Mann sei jedoch vor Ankunft des Unfallkommandos in der Dunkelheit verschwunden. Bei der polizeilichen Vernehmung bestätigte Fischers Freundin diese Version. Der Landgerichtsrat hatte ihr eingeredet, eine falsche Aussage vor der Polizei sei nicht strafbar ...

Ehe es aber in Lübeck zur Verhandlung kam, mußte sich der Landgerichtsrat in einer Hamburger Klinik auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. Schon vor dem Unfall war die Zerrüttung seiner persönlichen und familiären Verhältnisse nicht verborgen geblieben. Der psychiatrische Sachverständige sprach Fischer verminderte Zurechnungsfähigkeit (§ 52,2) für die Unfallzeit zu, nicht aber für die darauffolgenden oder die vorhergehenden Ereignisse. Der Gerichts Vorsitzende Dr. Mix charakterisierte den Angeklagten: Nach der Kenntnis, die ich von Herrn Fischer aus den Akten und aus Ihren gutachtlichen Ausführungen habe, ist er ein Mensch, der stets und immer kneift.“

Es war ein seelisch und körperlich gebrochener Mann, über den seine ehemaligen Kollegen in der Hansestadt Recht zu sprechen hatten. Fischer, der sich angeblich auf nichts besinnen konnte, zeitweise die Zusammenhänge überhaupt nicht zu verstehen schien und wiederholt zu lauterem Sprechen aufgefordert werden mußte, wurde indes in allen Anklagepunkten für schuldig befunden und zu dreieinhalb Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht billigte dem angeklagten Landgerichtsrat auch nicht den Schutz des § 52,2 zu. Zwar erkannte es Fischers verminderte Zurechnungsfähigkeit an, lehnte jedoch die daraus hergeleiteten Milderungsgründe ab, da Fischer sich schuldhaft selbst in diesen Zustand versetzt habe.

Den Richtern in Lübeck mag es nicht leicht geworden sein, über einen ehemaligen Kollegen das Urteil zu sprechen. Aber der Fall des Landgerichtsrats Fischer wurde „strafrechtlich gewürdigt wie der irgendeines Besoffenen, der sich verantwortungslos ans Steuer setzt“.

„Es handelt sich hier um keinen Sensationsprozeß“, erklärte der Gerichtsvorsitzende, „sondern um einen ganz gewöhnlichen Fall, allerdings mit dem Unterschied, daß wir uns hier in den Trümmern bewegen mußten, die von der Fassade eines Mannes übriggeblieben sind, der einmal für würdig befunden wurde, als Richter über andere zu urteilen. Die letzten Reste dieser Fassade sind jetzt restlos abgefallen.“