Von Petra Michaely

Der Väter des Osterhasenglaubens hat sich schon vor Jahren zur Ruhe gesetzt. Seither lebt er – Alterspräsident der Osterhasengilde – in Erinnerungen an große Zeiten einsam auf seinem Landsitz. Um ihn zu zerstreuen, versorgt ihn seine Familie ausgiebig mit jenen anspruchslosen Geschichten, die seinem Hasenherzen so wohl tun, weil sie seinen Glauben an einen unerschütterlichen Osterhasenglauben unter den Menschen nicht erschüttern. Insgeheim lachen die andern über ihn und nennen ihn weltfremd. Weil aber einige einträgliche Privilegien, die er sich aus der glanzvollen Vergangenheit gerettet hat, seine Sippschaft recht sorglos leben lassen, hütet sie ihn als kostbaren Familienbesitz. Alle Aufregungen werden von ihm ferngehalten, selbst Krisenerscheinungen werden ihm verheimlicht.

Nun entschloß sich dieser Tage der alte Osterhase, die Menschen wieder zu besuchen. Es war etwas Eigensinn dabei, wie er so beharrlich darauf bestand, und etwas von der Ruhmsucht des ehemals Berühmten, der ein würdiges Come-back ersehnt.

Der Vorstand der Osterhasengilde hielt den Gedanken für gewagt – man soll auch alten Hasen nicht zuviel zumuten –, aber im Rahmen einer wirksamen Propaganda für vertretbar. Es gelang ihm, durch geschickt gelenkte Nachrichtenversorgung, für ein paar Tage lang sogar die zugkräftigsten orientalischen Königinnen in der Sensationspresse zu entthronen. Statt desssen las man in der Stadt überrascht als fette Überschrift: „Wir wollen unsern alten Osterhasen wieder haben.“ Und dazu, in der gewohnten Weise, ausführlich rührende Begebenheiten aus seinem Leben.

Die Opposition wies zwar mit schonungsloser Härte auf einige Mängel in der Osterhasenidee hin, ja, ein besonders radikales Blatt behauptete schlechthin, die Eier würden von Jahr zu Jahr ungerechter verteilt. Sogar Flugblätter gab’s: „Hase raus!“ Aber wer nahm dieses böswillige Geschreibsel, das wohl nur dem primitiven Bedürfnis, Opposition zu sein, entsprach, schon ernst!

So kam der Tag heran, an dem der Hase in der – Hauptstadt eintraf.. Es zeigte sich, daß er immer noch populär war. Oder spiegelte das lückenlose Programm, das für ihn zusammengestellt worden war, dies nur vor?

Die Kinder hatten schulfrei und säumten die Straßen mit gut geübten Sprechchören: „Heil unserm Hasen.“ Der Oberbürgermeister sprach auf dem Bahnhof Begrüßungsworte, in die er anerkennende Sätze über die Bedeutung des Ostergedankens für die einheimischen Gewerbetreibenden einfließen ließ. Bei einem Empfang im Rathaus fand der Vertreter der ortsansässigen Konditoren warme Worte über die Notwendigkeit, dem Osterhasen durch eifrigen Vertrieb hasenreiner Hasenimitationen aus Marzipan ein ständiges Denkmal zu setzen. Ein Krawattenfabrikant veranstaltete ein Festessen, bei dem er einen Toast auf weitere gute Zusammenarbeit zwischen der Krawattenfabrikation und allen Osterhasen ausbrachte. Der Rundfunk wiederholte sogar mehrmals sein Osterwort, jeweils unter dem Protektorat eines Schokoladeneierproduzenten, der durch einen Kinderchor mit dem hübschen Lied: „Kauft Schokolade nur von Meier“ der Sendung einen würdigen Rahmen geben ließ.