Auswendig-Lernen macht noch keinen Beamten“ – Krach um eine Gewerkschaftszeitschrift

gru, Lünen

Die Stadt Lünen hat eine aufregende Woche hinter sich. In aller Eile wurden am vergangenen Donnerstag die Ratsmitglieder der Stadt zu einer Sitzung hinter verschlossenen Türen zusammengerufen. Vorher schon prangten auf den Lokalseiten der Lünener Zeitungen Schlagzeilen wie „Freie Meinung im Stadthaus geknebelt“ – „Hauszeitung verärgert Stadtdirektor“ – „Krach um Fliegende Blätter“. Vorher schon hatte auch der Sekretär der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Hermann Heinemann, vergeblich bei Stadtdirektor Dr. Alfred Felckenstein antichambriert.

Ursache aller Aufregung war die Hauszeitung „Fliegende Blätter“ der Gewerkschafts-Jugendgruppe in der Stadtverwaltung, die von dem 25jährigen Stadtsekretär Heinz Pepers redigiert wird. Sein Chef hatte ihn „äußerster Unreife“ bezichtigt und den „Fliegenden Blättern“ in einer Verfügung die „Benutzung städtischer Vervielfältigungsapparate und des städtischen Materials zur Herstellung dieser Zeitung“ bis Ende Mai verboten. Ob Verweis und Verbot des Stadtdirektors nun zu Recht oder zu Unrecht bestehen, darüber erhitzten sich in der letzten Woche die Gemüter der Lünener Bürger. Und Heinz Pepers meinte bekümmert: „Wenn ich so unreif bin, dann weiß ich nicht, wie ich Stadtsekretär geworden bin und warum mich die Stadtverwaltung angestellt hat.“

Die unreife Weihnachtsnummer

Als unreif hatte der Stadtdirektor allerdings nicht Pepers Verhalten im Dienst bezeichnet, sondern seine Betrachtung im Heft 12 der Hauszeitung – der Weihnachtsnummer, in der er sich unter dem Pseudonym „Balduin“ mißbilligend über die Ausbildung der Verwaltungsangestellten in Lünen geäußert hatte. Insbesondere mißfiel ihm, daß die Anlernlinge und Angestellten in der Verwaltungsschule zuviel auswendig lernen müssen. Daher, mahnte er seine Kollegen: „...lernt nicht zuviel auswendig, denn das ist nicht entscheidend. Im Ernstfall wird sich niemand auf sein gutes Gedächtnis verlassen, sondern er wird’ nachsehen, und dann muß man wissen, wo es steht. Ein guter Theoretiker macht ebensowenig einen guten Verwaltungsbeamten. wie eine Schwalbe einen Sommer.“

„Das sollte, doch keine Aufforderung an die Lehrlinge sein, künftig nichts mehr zu lernen“, meint Pepers heute. „Ich wollte nur etwas für meine jüngeren Kollegen tun. Man wird doch noch eine positive Kritik anbringen dürfen.“ Das Recht zur Kritik leitet er nicht nur vom Anspruch der Hauszeitung auf „freie Meinungsäußerung“ ab, sondern auch vom Personalvertretungsgesetz aus dem Jahre 1958. Pepers ist Mitglied des Personalrats der Stadtverwaltung. „Nach dem Gesetz muß der Personalrat seine Zustimmung zu allen Schulungsmaßnahmen geben. Um unsere Zustimmung sind wir in diesem Fall nie gefragt worden. Da mußte es einmal auf andere Weise gesagt werden.“