an., Schwerin

Versammlungen hat es in Schwerin schon viele gegeben, seit dort die SED regiert. Eine Gästeversammlung aber – das war selbst für Schwerin neu. Kollege Sötemann, der Leiter des HO-Diätrestaurants am Leninplatz im Zentrum Schwerins, hatte sie einberufen.“

Dieses; als Muster volkseigener Gastronomie gedachte Lokal ist erst vor kurzem eröffnet worden, doch an Klagen mangelte es nicht. Kollege Sötemann wollte die Beschwerden hören, um sie später „auswerten“ zu können. Und er mußte sich allerhand sagen lassen. Seine Kellner verwendeten des öfteren unsauberes Geschirr, die Gäste müßten zu lange auf die Bedienung warten, die Speisen seien zu wenig schmackhaft, oft würden sie fast kalt serviert, die Auswahl lasse zu wünschen übrig, kein einziges Milchgericht sei auf der Karte und außerdem ziehe es im Lokal. Es war in der Tat eine stattliche Beschwerdeliste.

Kollege Sötemann „wertete aus“. Mit allen Angestellten hielt er eine „Produktionsberatung“ ab und gelobte Besserung. Das lokale SED-Blatt, die „Schweriner Volkszeitung“, konnte seinen Lesern berichten: „Es sind Maßnahmen eingeführt, die garantieren, daß die Mißstände ab sofort ab gestellt werden. Das Kollektiv wird sich noch mehr bemühen, den Gästen die Speisen und Getränke kulturvoll zu servieren.“

Die auf Diätkost angewiesenen Gäste sollen nicht umsonst gemeckert haben. Ihren Klagen über falsche Zubereitung der Spezialgerichte soll ein Diätspezialist abhelfen, „der in Kürze gewonnen werden soll“.

Kollege Sötemann kündigte schließlich an, das Schweriner HO-Personal werde „mit einem ähnlich gelagerten Speisebetrieb in der CSR in Erfahrungsaustausch treten. Es ist ja bekannt, daß die Gastronomie in der CSR Weltruf besitzt. Wir sind überzeugt, daß wir von unseren Berufskollegen aus der CSR manches lernen werden, was wir im Interesse der Gesundung unserer Gäste verwerten können“.