Von Hansgeorg Maier

Neu ist an dem neuen Buch von Arno Schmidt, dem Fouque-Historiographen und „Versuchseihen“-Erzähler, nicht der Inhalt. Neu daran ist nur die Gruppierung, in der hier schon früher (in Buchform oder in Zeitschriften) gedruckte Arbeiten zusammengestellt sind. Ältere Kurzromane und Werkstattberichte, die seit längerem nicht mehr greifbar waren. Zum erstenmal geher Beispiele für Arno Schmidts experimentierfreudige Erzählweise Hand in Hand mit ihrer Begründung und Erläuterung durch den Autor

Arno Schmidt: „Rosen & Porree“; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 312 S., 16,80 DM

– vereint also Praxis und Theorie. Die Theorie ist freilich bei Arno Schmidt nicht grämlich, und die Praxis ist höchst reizvoll. Der Buchtitel ist verspielter Laune entsprungen.

Wer das Vergnügen, den Autor seine Karten aufdecken zu sehen, gebührend auskosten will, tut gut daran, die Lektüre der an den Schluß gestellten Werkstattkommentare („Berechnungen I/II“) nicht allzu lange aufzuschieben. Je eher er sich das dort Erklärte zu eigen macht, desto rascher wird er einsehen, daß er’s mit keinem Umstürzler, keinem Prosazertrümmerer zu tun hat, vielmehr mit einem konservativen Erzähler. Daß Arno Schmidt als Erzähler experimentiert, um literarische Tradition lebendig zu halten.

Die beiden ersten Stücke „Rosen & Porree“, die Kurzromane „Seelandschaft mit Pocahontas“ und „Die Umsiedler“ sind übermütig-verwegene Potpourris aus dem pfiffig belauschten, im unverstellten Jargon wiedergegebenen Alltag derer, die anfangs der fünfziger Jahre ohne dicke Gelder durch westdeutsche Lande abenteuerten. Arno Schmidt selber, geboren und aufgewachsen in Hamburg, seit 1928 in Schlesien heimisch gewesen, hat an einer jener Umsiedlungsaktionen (zwecks Ausgleich der Flüchtlingsdichte zwischen nördlichen und südwestlichen Bundesländern) teilgenommen, die sein einschlägiger Kurzroman sachkundig und zornig-satirisch schildert.

Doch so sehr es in den „Umsiedlern“ und im „Pocahontas“-Kurzroman aufs zeitgeschichtliche Bundesrepublik-Mosaik abgesehen sein mag, so bildhaft in „Seelandschaft mit Pocahontas“ in ihren Umrissen und Valeurs bei Tag und Nacht der Dümmersee und die Gegend um ihn herum erstehen: am hellsten blitzt an den „Perlenketten innerer und äußerer Erlebniseinheiten“, die der Erzähler aufreiht, all das auf, was so oder so mit Liebe zu tun hat.