Madrid, Anfang April

Seit 1947 ist Spanien ein Königreich ohne König. Als „Reichsverweser“ schaltet der Bürgerkriegs-Sieger Francisco Franco seitdem „auf Lebenszeit“ nach Gutdünken im Lande. Das hatte er sich damals in einer Volksabstimmung garantieren lassen, die zwar die Monarchie formal wiederherstellte, aber offen lies, wer einmal den Thron besteigen darf.

Thronprätendent ist der in Portugal lebende Don Juan von Bourbon, der dritte Sohn des letzten Spanier-Königs Alfons XIII. Die besten Chancen hatte bislang jedoch sein Sohn Juan Carlos, den Franco in Spanien zum Thronfolger erziehen und in allen drei Waffengattungen dienen ließ. Jetzt aber, als sich Franco Ende März unweit Caceres mit dem Thronprätendenten traf, glaubten voreilige Beobachter schon, das Blatt habe sich zugunsten Don Juans gewendet. Sie haben sich jedoch getäuscht.

Die Begegnung von Caceres trug in allen Einzelheiten den Stempel Francos: Er berief dazu ein, Don Juan kam; Franco legte Wert auf Verschwiegenheit, und die politischen Manager Don Juans verstummten. Das Gespräch fand unter vier Augen statt. Das abschließende Kommunique konnte kaum knapper und herkömmlicher sein. Aber es stellte immerhin fest, daß die „große Herzlichkeit“ der Unterredung und die Bestätigung der zuvor getroffenen Absprache über die weitere Prinzenerziehung „weder die Nachfolgefrage, noch die normale Übertragung der dynastischen Verpflichtungen und Verantwortungen präjudizieren“.

Mit nüchternen Worten bedeutet dies, daß nichts festgelegt wurde. Franco, der Zauderer, hat sein Abwarten und Hinhalten nicht aufgegeben. Er hat zwar keine Tür zugeschlagen, aber er hält sich mehrere Ausgänge offen. Ein Sieg Juans denn? In Spanien ist der Glaube daran gering. Viel häufiger hört man die Auffassung, daß Franco wieder einmal seinen Kopf durchgesetzt hat.

Dem Caudillo ist der Sohn Alfons’ XIII. seit jeher zu ungestüm und wankelmütig. Der jetzt 51 jährige war Marinekadett in San Fernando, als im Jahre 1931 die spanische Monarchie gestürzt wurde. „Er wird sich schon durchschlagen“, sagte man damals von ihm, als er sich zu seinem Vater ins französische Exil begab. Don Juan vollendete danach seine Ausbildung in der englischen Marine und wurde englischer Marineoffizier. In England – dem zweiten Exil seines Vaters – entwickelte er sich zum Sportsmann, der sich beim Segeln, auf der Jagd und am Golfspiel auszeichnete. Die Besinnlichkeit der Studierstube oder gar geistiger Schaffensdrang bedeuteten ihm weniger. In politischen Fragen verließ er sich erst auf seinen Vater und nach dessen Tod im Jahre 1941 – im dritten Exil in Rom – auf die zahlreichen Berater, die ihn seitdem umdrängen. Es entsprach seiner impulsiven Art, daß er ohne langes überlegen am spanischen Bürgerkrieg als „Leutnant Lopez“ teilnehmen wollte.

Nach dem zweiten Weltkrieg hielten seine Berater den Augenblick für gekommen, Don Juan energisch auftreten zu lassen. Damals, von Lausanne aus, warf der Prätendent dem Diktator Franco den Fehdehandschuh vor die Füße. Er erließ Manifeste, in denen er seinen Gegner einen Usurpator nannte, seinen Rücktritt forderte und von Francos „blutbefleckten Händen“ sprach. Und 1946 zog Don Juan ins portugiesische Estoril, um Spanien näher zu sein.