Von Theodor Eschenburg

Theodor Eschenburg hat in der ZEIT (Nr. 12/60) von einem „Fall Seebohm“ gesprochen. Denn Bundesverkehrsminister Seebohm hatte auf Veranstaltungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Hamburg im März 1960 wie schon in Tübingen im März 1959 behauptet, daß die am 4. März 1919 erschossenen 54 Sudetendeutschen die ersten Toten des zweiten Weltkrieges seien; ihre Erschießung habe den zweiten Weltkrieg vorbereitet. Es sei nicht zu verwundern – so hatte er gesagt –, daß die damals Unterdrückten „auch Gewalt anwandten“ – eine Ansicht, die Professor Eschenburg in der ZEIT als historisch falsch und politisch gefährlich kennzeichnete. Seebohm ist ihm inzwischen in einem Aufsatz in der „Sudetendeutschen Zeitung“, in einigen Reden und in einem Leserbrief an die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ entgegengetreten. Professor Eschenburg äußert sich hier dazu.

Seebohm leugnet nicht, daß er die von mirbeanstandeten Äußerungen getan hat. Nur seine Behauptung, daß man den damals Unterdrückten die spätere Gewaltanwendung nicht verargen könne, läßt er unter den Tisch fallen. Im übrigen versucht er, den Lesern der Sudetendeutschen Zeitung zu suggerieren, meine Kritik an seinen Äußerungen sei eine Teilaktion einer gegen ihn gerichteten konzentrischen Verschwörung.

So sagt der Minister, daß nicht nur die Sozialdemokraten Carlo Schmid und Heinrich Greve ihn und die Sudetendeutschen diffamiert hätten, sondern auch die Abgeordneten Rademacher, (FDP), Bucerius (CDU) und Müller-Hermann (CDU) – die ausgerechnet alle drei Mitglieder des Verkehrsausschusses des Bundestages seien. In der gleichen Woche, als mein ZEIT-Aufsatz erschienen sei, habe der Verkehrsausschuß mit der Abstimmung zu den Abmessungen der Lastkraftwagen „einen weiteren Angriff“ auf Seebohm unternommen. In derselben Woche sei ihm auch eine Broschüre zugesandt worden: „Die Unverbesserlichen“, die vom kommunistischen Prager Institut für Internationale Politik im Herbst 1959 herausgegeben worden sei und zahlreiche Lügen über ihn enthalte.

Eingehend setzt sich Seebohm in dem mir gewidmeten Artikel mit diesen Lügen des Prager Instituts auseinander. Er erklärt zwar: Ich bin allerdings überzeugt, daß alles das nur ein zufälliges Zusammentreffen ist.“ Aber indem er alle diese Fakten in seiner Entgegnung einzeln aufführt, erweckt er beim Leser doch die Vorstellung, daß hier ein kausaler Zusammenhang besteht, daß es sich um ein wohlvorbereitetes, gegen ihn gerichtetes Einkreisungsmanöver handle.

Das sind Verdächtigungen, auf die ich nicht eingehen möchte. Nur soviel: Von der Prager Broschüre habe ich durch Seebohms Artikel zum erstenmal gehört. In den Lastkraftwagen-Abmessungen bin ich uneingeschränkt seiner Auffassung.

Seebohm wirft mir vor, daß ich mein Urteil auf zwei aus einem einstündigen Vortrag herausgerissenen Sätzen aufbaue; und dies sei eines deutschen Universitätsprofessors nicht würdig. Indem er mich des „Rufmordes“ beschuldigt, wie er „seit dem Kampf gegen Matthias Erzberger noch nicht überwunden“ sei, schiebt er sich selbst die Rolle des nationalen Märtyrers zu. „Rufmord“ aber ist nun geradezu eine phantastische Übertreibung. Wenn das, was ich in meinem Aufsatz über Seebohms Auffassung gesagt habe, schon Rufmord ist, dann könnte es gar keine öffentliche Kritik an Äußerungen von Politikern mehr geben. Es verhält sich also wohl anders: Seebohm kann keinen Widerspruch ertragen. Wer ihm entgegenzutreten wagt, ist für ihn moralisch defekt.