Im mittelfränkischen Feuchtwangen tritt seit kurzem der Heimatforscher Rudolf Bayerlein mit der These hervor, daß der berühmteste Sänger des deutschen Mittelalters, Walther von der Vogelweide, nicht in Südtirol oder Österreich (wie man bisher angenommen hat), sondern in Franken geboren wurde.

Bekanntlich soll er dort ja gestorben und gegen 1230 in Würzburg begraben worden sein. Eine Legende will außerdem wissen, daß ihm die hoch über der Mainschleife von Volkach gelegene Vogelsburg einmal als Lehen gehört und als Wohnsitz gedient hatte.

Aber all das sind nur Annahmen. Wie es überhaupt über Geburt und Leben dieses Sängers unendlich viele Annahmen und Rückschlüsse gibt, aber nur einen einzigen direkten Urkundenvermerk, und zwar in den Reiserechnungen des Passauer Bischofs Wolfger von Ellenbrechtskirchen.

Dort findet sich unter dem Datum vom 12. November 1203 jene Notiz, wonach „Walthero cantori de Vogelweide“ zu Zeiselmauer an der Donau in Niederösterreich 5 „Solidi“ zur Anschaffung eines Pelzrockes geschenkt wurden.

Immerhin lassen darüber hinaus Walthers Lieder und Sprüche oder auch seine „Augenzeugenberichte“, wie wir heute sagen würden, zum Beispiel über die Weihnachtsfeier Philipps von Schwaben in Magdeburg 1199, verbindliche Schlüsse auf seinen Lebensweg zu, der ihn durch Ober- und Niederösterreich, Bayern, Franken, an den Rhein, nach Thüringen und weiter nach Norden, wieder nach Süden bis Aquileja an der Adria und wieder nach Franken, schließlich ins Ungewisse geführt hat.

Um die Ehre, Geburtsort des Sängers zu sein, stritten sich schon mehr als ein Dutzend „Vogelweidhöfe“ in Bayern, Franken, Böhmen, Ober- und Niederösterreich, in Tirol und in der Schweiz. Ehesten Anspruch darauf hatten, bisher die „Vogelweidhöfe“ in der Nähe der Südtiroler Bischofsstadt Brixen, die schlechthin – jedoch unbewiesen – als Geburtsstätte Walthers gelten. Allerdings können die Südtiroler für sich ins Feld führen, daß jene „Höfe“ bis in die Zeit Walthers als Rittersitz verbürgt sind, andere dagegen nicht.

Der Feuchtwangener Heimatforscher hat nun beim Urkundenstudium in der Nähe von Feuchtwangen ein Gut „Vogelweid“ ermittelt, das 1326 erwähnt wird. Bei weiteren Untersuchungen ließ sich die geschichtliche Existenz des Gutes bis etwa in die Zeit Walthers, dessen Geburtsjahr um 1170 angesetzt wird, nachweisen. „Vogelweiden“ waren zu damaliger Zeit Plätze – in der Nähe von Burgen, Städten oder Märkten, an denen Vögel gefüttert, gefangen und gehalten wurden; vielfach haben dort errichtete Höfe, meist von der niederen Ritterschaft bewohnt, den gleichen Namen erhalten. Ein Geschlechtername dagegen ist es nicht.