Die Romane von Vladimir Nabokov, die nun nach und nach auch in Deutschland erscheinen sollen, alle vor der ebenso heftig beschimpften wie belobten „Lolita“ entstanden, dürften auch den argwöhnischsten Leser zumindest davon überzeugen, daß Nabokov keineswegs der gerissene Pornograph ist, als den ihn seine Kritiker gerne hinstellen. Die hier folgende Kurzgeschichte, zuerst in der Zeitschrift „The New Yorker“ und dann in dem Kurzgeschichtenband „Nabokov’s Dozen“ erschienen, die wir zum ersten Male in deutscher Sprache veröffentlichen, von Nabokov-Verehrern als eine Art Schlüsselerzählung zitiert, zeigt den Dichter von einer ganz anderen Seite.

Zum viertenmal in ebenso vielen Jahren standen sie vor dem Problem, was sie einem jungen Main, dessen Geist unheilbar verwirrt war, zum Geburtstag schenken sollten. Er hatte keine Wünsche. Von Menschenhand geschaffene Gegenstände waren für ihn entweder Bienenstöcke des Bösen, vibrierend von einer gehässigen, nur ihm wahrnehmbaren Geschäftigkeit, oder plumpe Annehmlichkeiten, für die er in seiner abstrakten Welt keine Verwendung wußte. Nachdem sie eine Anzahl von Gegenständen ausgeschlossen hatten, die ihn kränken oder erschrecken konnten (alle technischen Vorrichtungen zum Beispiel waren tabu), wählten seine Eltern eine leckere und harmlose Kleinigkeit: ein Körbchen mit zehn verschiedenen Fruchtgelees in zehn kleinen Gläsern.

Als er. geboren wurde, waren sie schon lange Zeit verheiratet; zwei Jahrzehnte verstrichen, und nun waren sie ziemlich alt. Ihr stumpfes graues Haar war nachlässig frisiert. Sie trug billige schwarze Kleider. Im Gegensatz zu anderen Frauen ihres Alters (wie etwa Mrs. Sol von nebenan, deren Gesicht von Schminke ganz rosig und malvenfarbig und deren Hut ein Büschel Wiesenblümchen war) bot sie dem kritischen Licht der Frühlingstage ein nacktes, weißes Angesicht. Ihr Mann, in der alten Heimat ein recht erfolgreicher Geschäftsmann, war nun ganz, von seinem Bruder Isaac abhängig, einem echten Amerikaner, der schon fast vierzig Jahre hier drüben war. Sie sahen ihn selten und hatten ihm den Spitznamen „der Fürst“ gegeben.

An diesem Freitag ging alles schief. Der Untergrundbahn setzte zwischen zwei Stationen der Lebensstrom aus, und eine Viertelstunde lang hörte man nur das pflichtgetreue Schlagen des eigenen Herzens und das Rascheln von Zeitungen. Der Bus, mit dem sie anschließend fahren mußten, ließ eine Ewigkeit auf sich warten; und als er endlich kam, war er mit laut schnatternden Schulkindern vollgestopft. Es goß in Strömen, als sie den braunen Pfad zum Sanatorium hinaufgingen. Dort warteten sie wieder; und statt ihres Jungen, der gewöhnlich ins Zimmer geschlurft kam (das arme Gesicht voller Pusteln, schlecht rasiert, mürrisch und verwirrt), erschien endlich eine Krankenschwester, die sie kannten, aber nicht besonders möchten; sie erklärte strahlend, daß er wieder versucht habe, sich das Leben zu nehmen. Es ginge ihm ganz gut, sagte sie, aber ein Besuch könnte ihn aufregen. Das Haus war so schlecht mit Personal versehen, und es wurden so leicht Dinge verlegt oder verwechselt, daß sie beschlossen, ihr Geschenk nicht im Büro zu hinterlassen, sondern es ihm das nächste Mal mitzubrin-

Sie wartete, bis ihr Mann den Schirm aufgespannt hatte, und nahm dann seinen Arm. Er räusperte sich ständig auf eine besonders geräuschvolle Weise, die er an sich hatte, wenn er erregt war. Sie erreichten das Wartehäuschen der Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite, und er schloß den Regenschirm. Ein paar Meter weiter, unter einem windgeschüttelten, tropfenden Baum zuckte ein winziger, halbtoter, noch nicht flügger Vogel hilflos in einer Pfütze.

Während der langen Fahrt zur U-Bahnstation wechselten sie und ihr Mann kein Wort; und jedesmal, wenn sie einen Blick auf seine alten Hände warf (geschwollene Adern, braunfleckige Haut), die bebten und zitterten, während sie den Griff des Schirmes umschlossen hielten, fühlte sie den Druck aufsteigender Tränen. Als sie um sich sah und versuchte, ihre Gedanken an irgendeinen Gegenstand zu hängen, versetzte es ihr einen leichten Schreck, eine Mischung von Mitleid und Verwunderung, daß eine der Mitfahrenden, ein Mädchen mit dunklem Haar und ungepflegten roten Zehennägeln, an der Schulter einer älteren Frau weinte. Wem sah diese Frau bloß ähnlich? Sie ähnelte Rebecca Borisowna, deren Tochter einen Solowejtschik geheiratet hatte – in Minsk, vor vielen Jahren.

Als er es das letzte Mal versucht hatte, war sein Verfahren nach den Worten des Arztes ein Zeichen meisterlicher Erfindungsgabe gewesen; es wäre ihm gelungen, hätte nicht ein neidischer Mitpatient geglaubt, er wolle fliegen lernen, und ihn zurückgehalten. In Wirklichkeit hatte er versucht, ein Loch in seine Welt zu reißen und zu entkommen.