Von Petra Kipphoff

Schriftsteller hören es nicht besonders gern, wenn man ihnen sagt, daß man auf ihren nächsten Roman gespannt sei. Ich kann’s nicht ändern: ich bin gespannt auf den nächsten Roman von Wolfgang Koeppen, den ich vor allem als "empfindsamen Reisenden" schätze und dessen erster Roman (erschienen 1934 bei Bruno Cassirer in Berlin) jetzt nach sechsundzwanzig Jahren wieder aufgelegt wurde ( Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 9,80 DM).

"Eine unglückliche Liebe": das ist der gewiß nicht neue Titel für eine gewiß nicht mehr neue Geschichte, die immer wieder zu erzählen sich lohnt – für die unmittelbar Betroffenen. Die Variation, die Koeppen zu diesem Thema bringt, ist glücklicherweise nicht so banal, wie man fürchten könnte.

Die Gedankenassoziationen, zu denen dieser Roman verleitet, führen fast zweihundert Jahre zurück: zu einem Buch, das Koeppen, auf seiner Rußlandfahrt, zwischen Klippfisch und Quark auf dem Markt von Saratow entdeckte: Goethes "Werther". Nach der Haupttätigkeit aller Werthers befragt, seien sie nun von 1774 oder 1934, mit oder ohne blauen Rock, würde ich vermutlich antworten: sie leiden.

Auch Friedrich, männlicher Hauptdarsteller im Koeppenschen Roman, leidet. Nebenbei studiert er noch, ist arm, arbeitet als Glühbirnen-Kontrolleur in einer Fabrik. Er geht fast zugrunde an dieser unerhörten, unerlösten Liebe zu Sibyll, dem Mädchen mit dem Tigergang, für die er ein Spielzeug ist wie der Stoffhund Wolleball.

Friedrich ist Sklave seines Gefühls und damit Sklave von Sibyll, diesem Knabenmädchen, das Katze ist und Babydoll, das ihn quält, mit vielen anderen lebt und einen anderen zu lieben scheint. Mit einem Trostspruch, der keiner ist ("Sie ist ja doch für mich bestimmt, und alles andere ist ein Mißverständnis"), überlebt Friedrich jeden Schlag, obwohl er eigentlich schon längst gestorben ist.

Das Ende des Romans ist typisch für seinen Inhalt und typisch für einen Werther des 20. Jahrhunderts: Es ist kein Ende, weder ein gutes noch ein schlechtes. Es gibt keine Erlösung, es werden aber auch keine Pistolen gereicht. Friedrich und Sibyll sind füreinander bestimmt, aber "die Wand aus feinstem Glas", die sie seit je trennte, bleibt bestehen. Wie zeitgemäß das doch ist: Anerkennung des Status quo. Friedrich wird weiterhin selige Schmerzen leiden an seinem Liebeswahnsinn, der ja, wie Heine bemerkte, ein Pleonasmus ist. Etwas mehr Heinesche Selbstironie würde diesen Friedrich nicht nur sympathischer, sondern auch eindrucksvoller machen.

Besserungsvorschläge an eine Romanfigur? Nein, Kritik an einem Helden, der nur eindimensional ist, von dem man wenig erfährt und über den man daher auch nicht viel mehr sagen kann als eben das: daß er an der Liebe leidet. Und was heißt das schon? Auch die Sonne geht jeden Morgen auf.

Viel lebendiger, und sei es nur deshalb, weil sie aktiver, durch das Schillernde in ihrem Wesen faszinierender ist, ist die Gestalt der Sibylle. Vielleicht macht gerade das ihren Reiz aus, daß der Autor sie nicht auf einen Typ festgelegt hat, daß ihrBild dauernd schwankt. Man sieht nicht durch sie hindurch, kann nur schwer unterscheiden zwischen den Unarten eines müden Kindes, den Launen einer extravaganten, bezaubernden Frau, den Krallen der Katze und der Verlorenheit des kleinen Mädchens. – Bei manchen Kritikern fand Koeppens Roman schon damals begeisterte Aufnahme. K. H. Ruppel schrieb in der Kölnischen Zeitung von der "dichterischen Verzauberung, die von Koeppens Buch ausgeht". Verzauberung? Kann eine so ruhelose, leidenschaftliche und egoistische Geschichte wirklich "verzaubern"? Will sie es denn? Ich glaube nicht.

Aber dann schreibt der Rezensent weiter, und das ist viel wichtiger und interessanter: Koeppens Buch ist mit einer unheimlichen Dichte der Sprache geschrieben. So erstaunlich, so ausschweifend die Assoziationsfähigkeit seiner Phantasie ist, so barock ihm die Metaphern emporsprießen: welcher Zucht ist diese Sprache unterworfen?" Wenn man diesen Satz in zwei Teile teilt, so hat man hinter dem Doppelpunkt den Koeppen von 1960, davor den der "Unglücklichen Liebe".

Nach drei Seiten Lektüre merkt man diesem Roman an: Das ist ein besonderes Buch, ein außergewöhnlicher Stil. Aber gerade weil Koeppen einerseits kein Talent zur Durchschnittlichkeit hat, andererseits sich seines ganz persönlichen Stils roch nicht sicher ist, schießen ihm auch munter manche Manierismen ins Kraut.

"Eine unglückliche Liebe" zeigt die Umrisse eines Schriftstellers, die weitgesteckten Möglichkeiten, damals noch unausgefüllt. Es ist schon das Tempo der Sprache da, die sich überstürzenden Perioden, die oft ganze Seiten füllen, jedoch hier manchmal ihre eigene Länge nicht überleben. Und der ironische Koeppen ist schon da: "Auch die Gitter vor dem Fenster fehlten nicht, doch waren sie wohl angebracht, den Mieter vor der Versuchung zu schützen, durch einen Sprung hinaus sich nicht nur der unbezahlten Rechnung, sondern allen Forderungen des Lebens überhaupt zu entziehen." Diese Geschichte von der unglücklichen Liebe ist ein interessantes Buch, wenn man sie in dem Koordinatensystem Wolfgang Koeppen sieht, wenn man weiß, daß hier der Anfang war, wenn man von Koeppen hört, daß er demnächst wieder Romane schreiben will – und wenn man dann die Mitte zwischen diesen beiden Punkten mit einem Buch wie "Nach Rußland und anderswohin" markiert.

Ich traf Wolfgang Koeppen in einem Münchener Restaurant, und es war wohl nicht nur diese besondere Umgebung, die ihn dazu veranlaßte, mir als erstes zu erzählen, daß er sich beinahe ebensogern am Kochherd wie an der Schreibmaschine betätige.

Wir stiegen dann in ein Taxi, der Chauffeur schaute sich fragend um, Koeppen mich fragend an: "Ach, sagen Sie doch schnell, wo wohne ich eigentlich noch?"

Koeppen lebt nicht sehr gerne in München. Er glaubt, er würde sich in einer Stadt wie Hamburg oder London, wo man niemanden zu kennen braucht, viel wohler fühlen.

Das Haus, in dem er wohnt, liegt an einer großen, unruhigen Straße, ist ihm aber noch immer zu persönlich und zu nahe an der "Natur". Da sind die Blätter eines Baumes, die durch das Zimmerfenster hindurch so aufdringlich werden, daß selbst Möbelstücke, die jede zufriedene Behaglichkeit vermeiden, dagegen nichts vermögen. Arbeiten, das heißt schreiben, kann Koeppen in so einer Atmosphäre nicht. Dafür sucht er sich ein Hotelzimmer – und zwar eins, in dem andere Leute ihre Koffer nur ungern abstellen würden.

Wolfgang Koeppen kam 1906 in Greifswald auf diese Welt, die er seither manchmal traurig, vorwiegend aber doch eher komisch gefunden hat. Seine Kindheit verbrachte er bei Verwandten in Masuren. Nach Beendigung der Schulzeit brannte er zu Hause durch und heuerte auf einem Schiff als Koch an. Diese Karriere scheiterte an mangelnder Begabung und Lust zum Kartoffelschälen.

Er studierte danach ein wenig, wurde Dramaturg in Würzburg, freier Mitarbeiter der "Weltbühne" in Berlin, 1930–1934 Redakteur am Börsenkurier. 1934 erschien auch sein erstes Werk, eben "Eine unglückliche Liebe", 1935 "Die Mauer schwankt".

Diese Jahre von Koeppens Anfängen waren auch die Jahre des beginnenden Dritten Reiches und damit bereits das vorläufige Ende von Koeppns Schriftstellerei. Er verbrachte die folgende Zeit teils in Holland, teils hier in Deutschland, wo er sich schließlich versteckt halten mußte. Vom Kriegführen hält er nicht viel, und von Hitlers Krieg hielt er schon gar nichts.

Nach dem Krieg hieß es für Koeppen wie für o viele: Von vorn anfangen. Zu Formexperimenten, wie sie ihm früher vorgeschwebt hatten, war jetzt eigentlich keine Zeit mehr. Auch ein neuer /erlag mußte gesucht werden. Dann erschienen in schneller Folge: "Tauben im Gras" (1951), "Das Treibhaus" (1953) und "Tod in Rom" (1954), lomane dem Titel nach, in ihrer Bedeutung aber doch vorwiegend ironisch-kritische Zeitdokumente.

"Der Tod in Rom" ist die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die alle auf ihre Weise von der Hitlerzeit gezeichnet sind. Die einen haben die Vergangenheit nicht überwunden, die anderen vollen sie nicht überwinden, wollen da weitermachen, wo es aufgehört hat. Koeppen redet hier nicht mehr vom Leiden am Ich wie in der "Unglücklichen Liebe", sondern vom Leiden an der Welt, und in dem Maß, wie sich sein Blickfeld geweitet hat, ist sein Blick durchdringender geworden. Aber seine Charaktere ...

Vielleicht empfand Koeppen selber, daß hier eine befriedigende Lösung noch nicht gefunden ist. Vielleicht wandte er sich deshalb dem Reisebericht zu, schrieb "Nach Rußland und anderswohin" (1958) und die "Amerikafahrt" (1959).

Und da auf einmal erlebt man den großen Schriftsteller: Da vereinen sich Klarheit des Denkens und Klarheit des Stils zu einer Prosa von klassischer Schönheit. In Koeppens Blick sammelt sich die ganze Welt. In ihrer Breite vom russischen Warenhaus bis zur Katze auf der Tiberbrücke, in ihrer Tiefe von der flüchtigen Impression bis zur gültigen Deutung. Seine Ausdrucksmöglichkeiten sind so vielfältig, daß es ihm gelingt, Charakter und Temperament eines Landes in der Syntax einzufangen. Die Sätze eines Kapitels über Spanien spiegeln atemlos bizarre Gegensätze. Breit fließt der Bericht über Rußland dahin. Viele Einzelheiten bleiben dem Leser unvergeßlich. Freilich liegt das Geheimnis der Vollendung nicht im einzelnen, sondern – hier wie allenthalben – in der Kongruenz von Form und Inhalt.

Die Frage, warum er eigentlich schreibt, will Koeppen mit einem unschuldigen Blick, der darum bittet, ihn doch unter die Harmlosen einzureihen, übergehen. Und erst meine zweite Frage, dann sei er ja wohl ein Anhänger des l’art pour l’art veranlaßt ihn, ein bißchen deutlicher zu werden. Geschrieben also habe er eigentlich schon immer, es sei eine ganz natürliche Beschäftigung für ihn, darum lasse sich das "seit wann" ebenso schwer feststellen wie das "warum".

Wenn der Schriftsteller Wolfgang Koeppen etwas will, dann wohl dies: Fragen stellen, beunruhigen, Zweifeln Ausdruck geben – Antworten mögen andere parat haben.

Koeppen hat immer nur von der Schriftstellerei gelebt – früher schlechter, heute besser – und diesen Zustand zeitlebens als Unglück empfunden. Er hat für Zeitungen, Funk und Film gearbeitet. Den Film hat er endgültig aufgegeben, weil man, wie er sagt; "die Arbeit dort entweder ernst nimmt und sich ärgert, oder sie leicht nimmt und ans Saufen kommt".

Er wäre viel lieber als reicher Erbe geboren, der sich ohne jeden äußeren Zwang der Schriftstellern widmen könnte. Und es ist nicht nur schön, sondern auch gar nicht schwer, sich das vorzustellen: Wolfgang Koeppen, Sohn eines Engländers, geboren in Bombay, Mutter unbekannt, hält sich heute vorwiegend in seiner Londoner Stadtwohnung auf ... meist ein Whiskyglas in der Hand ... keine Zusammenstöße, nicht mit Rechnungen, nicht mit Lesern ... Pseudonym ...

Mit solchen Wunschträumen wäre freilich der deutschen Gegenwartsliteratur wenig geholfen.

Koeppen ist gerade dabei, ein Frankreichbudi zu schreiben. Aber das soll sein letztes Reisebuch sein. Und dann?

Wenn er auch schwer dazuzukriegen ist, eine solche Frage ganz ernsthaft zu beantworten – seine Leser erwarten Romane von ihm, vielleicht "den großen deutschen Nachkriegsroman"; er selber hätte wohl auch Lust, sich an einem Bühnenstück zu versuchen. Romane und Dramen aber leben in ihren Charakteren, verlangen von dem, der sie schreiben will, Tuchfühlung mit der wirklichen Welt und ihren Bewohnern. Da liegt möglicherweise eine Schwierigkeit, die auch diesem technisch vollkommenen Stilisten, diesem glänzenden Beobachter, diesem vielseitig gebildeten Geist noch zu schaffen machen könnte: In Reisebeschreibungen dürfen Figuren auftreten – im Roman und im Drama müssen daraus Menschen werden.