Von Wolf gang Paul

In der Oberprima planen die jungen Männer, nach Italien oder Spanien zu trampen. Sie sollen die Apfelsinenländer sehen, aber weshalb schon jetzt? Von Deutschland kennen sie kaum etwas, und das, was sie kennen, haben sie am Fernsehgerät gesehen.

Diese knabenhaften Männer! Sie wissen so viel, aber dort, wo sie wie junge Herren noch leben könnten in diesen unherrlichen Zeiten, fehlen sie.

Man gebe ihnen Zeltbahnen, einen Rucksack, wenig Geld. Man schicke sie in den Ferien nicht an die Autobahnen, damit sie dort den dummen Tramp-Verlockungen ausgeliefert sind (so einfach ist das für viele Eltern, und sie haben kaum noch ein schlechtes Gewissen dabei) – man kaufe ihnen eine Fahrkarte, beispielsweise bis Höxter an der Weser. Dort, im Weserbergland, werden sie phantastische Zeiten erleben.

1. Tag: Über der Stadt das Zelt aufschlagen. Die Zivilisation weglegen. Man holt sie später hier wieder ab. Wenn man ölsardinen und Schwarzbrot vor dem Zelt ißt, wird man die Tiere des Waldes hören. Noch im Traum ...

2. Tag: Zelt abbauen, hinunter ins Tal, durch Höxter nach Corvey. Die Abtei ist ein Erlebnis. 872 wurde sie von französischen Mönchen gegründet, aufgerichtet als Burg, um die Sachsen zur Taufe zu zwingen in den dunklen Wäldern. Der Kreuzgang, in dem die mehr weltlichen als geistlichen Herren unter dem Schutz des Kaisers meditierten – man muß nicht nach Monreale, um das zu erleben. Festliche Tanzsäle im Schloß, zum Feiern geschaffen, die endlosen Bücherreihen der Bibliothek, in der Hoffmann von Fallersleben gearbeitet hat. Sein Grab im Klostergarten. Wir aber suchen nun den Wald wieder, den wir jenseits der Weser bei Lüchtringen finden: den Solling.

Wald erleben, diese dichte hohe Einsamkeit. Die Tiere des Waldes suchen, ihnen endlich begegnen. Das Sägewerk Fohlenplacken, dann Neuhaus – aber hier sind schon zu viele Menschen, also weiter nach Silberborn. Neben der Straße äsen Rehe. Der höchste Ort des Sollings mit dem faszinierenden Namen erinnert an das Erzgebirge. Vogelbeerbäume. Wind weht. Wir schlafen beim Bauern im Stroh.