Zweierlei 1. Mai in der deutschen Hauptstadt – Eindrücke auf beiden Seiten des Brandenburger Tors

Von Rolf Zundel

Berlin, Anfang Mai

Fahnen, Fahnen, Fahnen! Schwarzrotgoldene mit Hammer und Zirkel, blaue mit weißen Friedenstauben und vor allem rote Fahnen. Eine fremdartige Vegetation hatte die alten Mauern von Ostberlin überwuchert. An den Mauervorsprüngen, an den Fenstersimsen kletterte das Rot empor und sprang von Giebel zu Giebel. Es bedeckte die Fensterhöhlen der Ruinen und wuchs in papierenen Büscheln aus den Gartenzäunen.

Eine rote Stadt sollte Ostberlin zum 1. Mai sein. Noch am Sonnabend waren Trupps der Stadtverwaltung mit Lastwagen unterwegs. "Hauruck" – schon wieder stand ein Flaggenmast. Die Leute hatten Übung. Spruchbänder wurden angenagelt, Girlanden aufgehängt, Papierfähnchen aufgesteckte Die Häuser Unter den Linden, das Regierungsviertel und die Stalinallee hätten das meiste Rot abbekommen. Freilich gab es auch da Unterschiede. Die Liberaldemokraten hatten auf rote Fahnen verzichtet. An ihrem Parteihaus hingen nur Fahnen mit Ham- . mer und Zirkel. Die waren allerdings um so größer. Auf dem mächtigen Gebäude der Sowjetbotschaft wehten nur zwei Fahnen mit Hammer und Sichel. Die Kirchen trugen keinen Flaggenschmuck.

Musik, Musik! Sie dröhnt über den Marx-Engels-Platz und Lautsprecher übertragen sie in die Straßen, in denen die Marschkolonnen warteten. Fünf Kapellen der Volksarmee rücken an, der Tambourmajor schmeißt die Beine hoch – Parademarsch wie einst gehabt. Die große Maiparade beginnt. Vorbei dröhnen die Karrees der Volksarmee, die Stiefel knallen im Rhythmus preußischer Militärmärsche aufs Pflaster, die Köpfe zucken nach rechts zur Ehrentribüne, wo Ulbricht neben Verteidigungsminister Stoph steht. Die Truppe ist gut gedrillt.

Dann kommen die Panzer ...