GK, Passau

Oberbürgermeister Dr. Stephan Billinger, ein sparsamer Stadtvater, der seit Jahren nicht einmal seine städtische Aufwandsentschädigung ausnutzt, könnte sich jetzt schadenfroh die Hände reiben. Denn er hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß ihm die „Rose von Stambul“ lieber ist als „Europäische Wochen“ mit teuren „Jedermann“-Aufführungen vor dem Dom, mit Ballettabenden und Symphoniekonzerten. Auf etwa 200 000 Mark belief sich im Durchschnitt das jährliche Defizit, das diese „Europawochen“ seit 1952 der Stadt Passau einbrachten, und sie wären wohl längst abgeschafft worden, wenn sie nicht neben dem immer wieder auftretenden Hochwasser das einzige Ereignis gewesen wären, das der Bischofsstadt am Zusammenfluß von Donau, Inn und Ilz wohlwollende Publizität verschaffte. Heuer jedoch entschied sich die Mehrheit der Stadtväter gegen die „Europäischen Wochen“. Statt dessen., geht allerdings in Passau ein handfester Skandal über die Bühne.

Als der städtische Inspektor Josef Wirnhier die Akte „Europäische Wochen“ studierte, stieß er auf mehrere Vorgänge, die ihm höchst sonderbar erschienen. Er schöpfte Verdacht, daß die Stadt jahrelang von dem Intendanten Johannes Klein schlicht übers Ohr gehauen worden war. Ihm hatte die Stadtverwaltung in den letzten drei Jahren die künstlerische Leitung der „Europäischen Wochen“ übertragen – nicht zuletzt in der Hoffnung, der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele werde dem europäischen Spektakulum vielleicht doch noch zu einem finanziellen Gewinn verhelfen können.

Unter Kleins Regie indes wuchs das Defizit noch weiter, und ein Teil der Akten, die sonst im Zimmer des Inspektors Wirnhier gestapelt waren, liegen jetzt auf dem Schreibtisch des Staatsanwalt. Die Stadtverwaltung Passau hat – auf Anraten von Bundesjustizminister Schäffer, der Bundestagsabgeordneter des Bezirks Passau und Vorsitzender des Kuratoriums „Europäische Wochen“ ist – Anzeige gegen den Festspiel-Experten erstattet.

Zunächst ging es dabei nur um 100 Mark, die Intendant Klein der Schauspielerin Hildegard Schreiber vorenthalten haben soll. Hildegard Schreiber spielte 1958 in Hoffmannsthals „Jedermann“ die Mutter. Inzwischen ermittelt der Staatsanwalt allerdings schon wegen einer Reihe weiterer Vorwürfe gegen Klein. So erhielten zwei Schauspieler der „Jedermann“-Tischrunde von Klein nur 300 Mark, obwohl der Intendant der Stadt 400 Mark angerechnet hatte.

Außerdem hat der Intendant nach den Passauer Unterlagen seit 1956 rund 25 000 Mark als Entschädigung für Vorproben kassiert. Bei der Staatsanwaltschaft befindet sich aber inzwischen eine Erklärung, die von Lil Dagover, Anna Dammann und Karl John unterzeichnet ist und in der die Schauspieler versichern, daß sie seit 1957 keine Honorare für Vorproben bekommen haben. Für die Vermittlung seines Hersfelder Ensembles ließ sich Intendant Klein von den Passauern unberechtigterweise rund 9000 Mark Agentenprovisionen auszahlen. Einen Teil der Probenentschädigungen und der Provisionen hat der Intendant inzwischen zwar wieder, an die Passauer zurückbezahlt, hingegen bestätigte die Stadt Hersfeld, nichts von den 900 Mark gesehen zu haben, die der geschäftstüchtige Intendant als Leihgebühr für Hersfelder Requisiten den Passauern berechnet hatte. An den Stammtischen frohlocken nun einige Honoratioren: Sie hätten es längst gewußt und sie seien immer dagegen gewesen, daß man den einheimischen Künstlern die städtischen Zuschüsse gekürzt habe, um dafür große Summen für eine umstrittene europäische Veranstaltung auszugeben. Und liebevoll wird in der Runde des städtischen Rechtsrates Dr. Hans Hirsch gedacht, der immer zu Beginn der „Europäischen Wochen“ ein Schild mit der Aufschrift „Im Urlaub“ an seine Tür. zu hängen pflegte. Er hat vorgeschlagen, an Stelle der Europawochen volkstümliche niederbayerische Festspiele mit Blaskapellen, Trachtenumzug und „Napoleons Übergang über die Beresina“ zu arrangieren. Möglich, daß der Stadtrat jetzt auf diese Anregung zurückkommt.