Kein Argument für die Fürsprecher der Todesstrafe

Am Montag, dem 2. Mai, um 18.02 Uhr, wurde Caryl W. Chessman in die Gaszelle des kalifornischen Zuchthauses San Quentin geführt; um 18.03 Uhr schnallten ihn die Wärter auf den Todesstuhl fest. „It’s allright?“, fragte er sie und verabschiedete sich mit einem Lächeln: „Good bye“. Darauf stiegen aus dem Napf mit der Schwefelsäure, in den die Zyankalikugeln geworfen worden waren, die tödlichen Dämpfe auf. Fünf Minuten vergingen. Um 18.08 Uhr sank der Kopf herab; um 18.12 Uhr erklärte der Gefängnisarzt, Chessman sei tot. Bis 19 Uhr blieb die Leiche in der Gaszelle...

Abscheu und Mitleid

In so präziser Darstellung ist in den Blättern der westlichen Welt das Ende eines Gangsters geschildert worden, der, wie kein anderer vor ihm, Abscheu, aber auch Mitleid erregt hatte.

Mitleid vor allem außerhalb Amerikas. Der Unmensch Chessman – auch er hätte Menschlichkeit verlangen dürfen, und es sei unmenschlich, ihn, den Todeskandidaten, nahezu zwölf Jahre lang im Vorzimmer des Todes aufzubewahren und ihn nach achtfachem Aufschub dann doch hinzurichten: So lautet zumal das Urteil aus Europas. Es trifft den Kern der Sache! – „Menschlichkeit!“, so schrieb vor einigen Wochen André Richard, der Doyen der Rechtsfakultät des Katholischen Instituts in Paris. „Die Souveränität der Justiz kann nicht so weit gehen, daß sie die Prinzipien zerstört, die sie schützen möchte Und Richard schloß seinen Aufsatz (in Le Monde) mit den Sätzen: „Wir hören, daß niemand die Kompetenz habe, Chessman zu begnadigen. In keinem Fall hat aber jemand noch das Recht, ihn umzubringen.“

Die Amerikaner stehen solchen Vorwürfen mit einer gewissen Hilflosigkeit und Verlegenheit gegenüber. Ist es nicht gerade die Unantastbarkeit des amerikanischen Rechtsdenkens gewesen, die es dem Todeskandidaten Chessman überhaupt ermöglicht hat, dank seiner Intelligenz, seiner im Zuchthaus erworbenen Rechtskenntnisse und dank der Hilfe exzellenter Advokaten fast zwölf Jahre hindurch immer wieder den Aufschub der Hinrichtung zu erwirken? Und warum so viel weltweite Erregung gerade im Falle Chessman?

Er war ein Gangster. Er hat ja selber keinen Hehl daraus gemacht in seinen Büchern, die im Zuchthaus zu schreiben er Gelegenheit hatte und die nicht zuletzt deshalb ihre Wirkung auf breite Leserschichten taten, weil sie eine effektvolle Mischung von Bonhommie, Zynismus und Sentimentalität sind. Er und seine Rechtsanwälte haben es nicht schlecht verstanden, auf die Gefühle der großen Massen zu wirken; sie verschmähten es nicht einmal, Schallplatten in Umlauf zu setzen, die Chessmanns jahrelange Todesangst in kitschigen Melodien und Reimen darboten: ein Unternehmen, zu dem die Erlöse Chessmans aus Büchern und Filmrechten (150 000 Dollar) die Möglichkeit boten. Und es war doch eine gleiche Massenerregung, die einst, nach dem Raub des Lindbergh-Babys, jenes Gesetz hervorgerufen hatte, nach dem Chessman verurteilt wurde. Er hat zwar nicht gemordet. Verurteilt wurde er wegen Entführung, Raub und Schändung. Darauf aber steht nach jenem Gesetz der Tod.