M. D., London, Anfang Mai

Die Commonwealth-Konferenz in London begann in gedämpfter Krisenstimmung. Die Ereignisse in Südafrika haben das Commonwealth – so sagen manche Kommentatoren – vor die schwierigste Entscheidung gestellt, die es je zu treffen hatte.

Auf jeden Fall nahm eine Gruppe von Mitgliedern die Vorfälle in Südafrika – die im übrigen von allen in London versammelten Premiers auf die Rassenpolitik der Regierung Verwoerd zurückgeführt wurden – jetzt zum Anlaß, die Frage nach der Organisationsform des Commonwealth neu und mit aller Dringlichkeit zu stellen. Wenn das Commonwealth eine Vereinigung gleichgesinnter Staaten sei, so argumentieren sie, dann müsse es zumindest auch bereit sein, ein Mitglied unter Druck zu setzen, das offenkundig die von allen anderen Staaten anerkannten Rassengrundsätze verletze. Man dürfe die südafrikanische Rassenpolitik nicht einfach ignorieren, sonst werde die Commonwealth-Idee zwangsläufig abgenutzt, und ihre Schwächung sei nie wieder gutzumachen. Das Commonwealth ist eine Idee, so lautet das Credo dieser Gruppe. Wenn diese Idee verschwinde, werde die Organisation, die ohnehin gebrechlich sei, bald zusammenbrechen.

Malaya ist eines der Länder, das auf eine formelle Diskussion der südafrikanischen Frage gedrängt hat. Die älteren (weißen) Commonwealth-Mitglieder – besonders Kanada und Australien – haben sich diesem Vorstoß standhaft widersetzt. Und der kanadische Ministerpräsident Diefenbaker formulierte ihren Standpunkt folgendermaßen: „Es entspricht nicht dem Geist des Commonwealth, daß die Konferenz zum Tribunal für die Aktionen der Mitglieder wird.“ Eine formelle Diskussion über Südafrika und über eventuelle Schritte des Commonwealth zu gestatten – das heißt nach Ansicht der Kanadier und Australier das Zentralprinzip des Commonwealth zu verfälschen, jenes Prinzip, das da besagt, die Mitglieder kämen nur zum Gedankenaustausch zusammen.

Allerdings, wenn das Commonwealth einmal damit anfinge, Mitglieder auszuschließen, weil sie nach Ansicht der Mehrheit nicht mehr im Gleichschritt marschieren, so wäre das ein ganz gefährlicher Präzedenzfall. Ist Pakistan nicht eine Diktatur? Und unterscheidet sich die indische Außenpolitik nicht ganz wesentlich von der kanadischen, australischen und englischen? Und müßte nicht auch Premierminister Nkrumah von Ghana zur Ordnung gerufen werden, wenn es wahr ist, daß er bei den letzten Wahlen mit den Mitteln der Einschüchterung gearbeitet hat?

Auf der Konferenz wird dieses heikle Problem umgangen, was freilich nicht bedeutet, daß es nicht wieder einmal aktuell werden könnte. Und so haben die Premierminister wenigstens einen kleinen Trumpf in der Hand: Südafrika wünscht im Commonwealth zu bleiben, und diese Tatsache gibt der Konferenz eine gewisse Handhabe, die Politik Südafrikas zu beeinflussen.

Ein anderes ungelöstes Problem ist die Frage: Welche Länder sind reif für den Status eines Commonwealth-Mitgliedes? Zypern wird in absehbarer Zeit unabhängig, und in Afrika entstehen neue Staaten. Sollen sie alle aufgenommen werden? Soll die Zahl der Mitglieder ins Ungemessene wachsen? Geht dann nicht der enge Kontakt und damit auch der ganze Nutzen der Vereinigung verloren?

Nkrumah, zum Beispiel, ist der Ansicht, daß den „Zwergstaaten“ der volle Commonwealth-Status vorenthalten werden sollte. Er möchte, daß kein Staat zugelassen wird, der weniger als zwei Millionen Einwohner hat.