Von Hans Mayer

Beide haben natürlich recht. Ernst Kreuder, wenn er im Romanschaffen der Gegenwart das Element der Verzweiflung und "absurden Erwartungslosigkeit" als überstark und allzu schroff akzentuiert empfindet und das eigentlich Romanhafte, also wohl Fabulierte, vermißt. Heinrich Böll, wenn er auf die Vielfalt heutigen Romanschaffens verweist und fragt, ob man überhaupt Julien Green und Graham Greene, Bernanos und Thomas Mann unter dem Gemeinsamkeitsbegriff "moderner Roman" miteinander kopulieren dürfe. Dem Roman der absoluten Erwartungslosigkeit im Sinne Kreuders, der von Böll zugleich als Romantyp der absoluten Humorlosigkeit bezeichnet wird, suchen beide Erzähler-Kritiker, wenn man sie richtig versteht, durch den Rückgriff auf vernachlässigte Werte der europäischen Romantradition zu begegnen: Kreuder denkt – selbstverständlich, möchte man sagen, bei einem Mann, der "Die Gesellschaft vom Dachboden" geschrieben hat – an die deutsche Romantik und die Gleichsetzung der Begriffe Roman – romanesk – romantisch. Bei Böll spürt man – selbstverständlich, muß auch hier wiederholt werden – die innige Neigung zum Typ des angelsächsischen humoristischen Romans.

Beiden aber, Kreuder wie Böll, muß man in wesentlichen Punkten widersprechen. Gewiß gibt es nicht bloß den Romantyp der totalen Ausweglosigkeit, den man häufig in der Tat auch als den der totalen Langeweile bezeichnen kann. Es gibt nicht bloß die von Böll genannten Autoren, die fast ausschließlich der sogenannten westlichen Welt angehören. Die Historiker gehen langsam daran, ein Geschichtsbild zu entwerfen, das die Welt nicht mehr ausschließlich von Europa her zu betrachten gedenkt. In unserem literarischen Leben aber scheint es nach wie vor bloß die Verlagshäuser von Paris, London und New York zu geben, Berlin ist nicht mehr literarisches Zentrum, die Italiener kommen neuerdings hinzu. Aber auch in Moskau und Peking sitzen begabte Romanciers, im Nahen und Fernen Osten wird die epische Gattung gepflegt: teilweise in Anlehnung an jenen "westlichen" Romantyp, den Böll und Kreuder meinen, teilweise aber auch, sehr weitgehend sogar, in der Form von Gegenbildern und mit einer schroff antithetischen Romanauffassung.

Außerdem kann man den Rückgriff ins Arsenal der literarischen Tradition in einer bestimmten geschichtlichen Epoche nicht einfach dekretieren. Die literarischen Renaissancen lassen sich nicht kommandieren. Es ist wenig damit getan, daß einer vorschlägt: zurück zu Novalis! oder: zurück zu Fielding!

Die Lyriker der Gegenwart empfinden das schmerzhaft genau und wissen durchaus, wie gering die Möglichkeiten geworden sind, Elemente vergangener Lyrik für das heutige Gedicht fruchtbar zu machen. Sie wählen daher meist den Weg der Parodie, der Anspielung, des Zitats.

Für die Epik der heutigen Zeit kann nichts anderes gelten. Keiner hat das klarer erkannt als der späte Thomas Mann. Auch das Verhältnis des Stückeschreibers Brecht zur Tradition sah ähnlich aus. Einen Großteil der deutsch-romantischen Requisiten und Restbestände hat bereits, wie Kreuder selbst sehr genau weiß, der Surrealismus verbraucht. Andererseits gibt es epische Traditionen, die durchaus lebendig geblieben sind. Schelmenroman und Bildungsroman etwa. In der "Blechtrommel" finden sich beide in grotesker "Zurücknahme" zusammen. Im "Felix Krull" übrigens auch.

Trotzdem ist da noch ein anderes. Es gibt allerdings – hinter aller Pluralität – sehr merkwürdige und auch typische Entwicklungslinien im heutigen Romanschaffen. Was Böll als Verantwortungs- und Humorlosigkeit bezeichnet, Kreuder als die Preisgabe einer "epischen Vollständigkeit", dem "einspurigen Realismus der Verzweiflung" zuliebe, ist bloß als Symptom zu verstehen, betrifft aber noch nicht die Substanz dieser sonderbar neuen Romankunst. Mit der steht es jedoch so, daß das Verhältnis zwischen dem Subjekt des Erzählers und der Objektwelt, die sich in der Erzählung darbieten soll, von Grund auf gestört erscheint.