In das Aktiengeschäft ist seit einigen Tagen wieder Leben gekommen. Das Publikum, ermuntert durch die Auszahlungen prächtiger Dividenden (die weniger guten kommen erfahrungsgemäß erst in einigen Monaten), findet mehr Geschmack am Aktiensparen als noch vor einigen Monaten. Damals wurde die Stimmung durch die Konjunktur-Diskussion belastet. Man hatte zwar keine Befürchtungen, daß es eine wirtschaftliche Stagnation geben würde, aber man war sich über die Auswirkungen der scharfen Kreditrestriktionen auf die Börse im unklaren. Nun, da erkennbar wird, daß durch solche Maßnahmen (jedenfalls bislang) lediglich der Rentenmarkt getroffen wird, bestehen kaum noch Bedenken, Geld in Aktien anzulegen. Auch von der Politik her werden gegenwärtig wenige Vorbehalte gemacht. Man glaubt an eine Einheitsfront des Westens auf der kommenden Gipfelkonferenz, und an die Aufrechterhaltung des Status quo in Berlin. Diese hoffnungsvolle Stimmung kann natürlich von einem Tag auf den anderen umschlagen, aber politische Baisse-Perioden sind meist nicht von langer Dauer. Das ist jedenfalls die Erfahrung, die von der Börse im Zusammenhang mit den vorjährigen Außenminister-Konferenzen in Genf gemacht worden sind.

Den Anstoß zu der freundlicheren Börsenentwicklung gaben zweifellos die Bilanzen der IG-Farben-Nachfolger, die jetzt auch vom Ausland analysiert worden sind; mit dem Erfolg, daß die Amerikaner in diesen Werten neue Engagements vorgenommen haben. Eindeutig bevorzugt wurden Bayer. Die Spitzenstellung dieses Papiers ist sachlich berechtigt. Aber das ist nicht der alleinige Grund für den hohen Kurs. Das Ausland kennt von den Produkten her das Unternehmen (Bayer-Kreuz) sehr gut; daneben natürlich auch die Farbwerke Hoechst. BASF ist nicht in der glücklichen Lage, denn die Erzeugnisse dieses Unternehmens sind in das Bewußtsein der ausländischen "End" verbraucherkreise noch nicht im gleichen Maße verankert.

Übrigens hat die Börsenentwicklung in den USA die neue Hausse bei den IG-Farben-Nachfolgern erleichtert. In Wall Street ist man den niedrigsten Kursen dieses Jahres wieder einmal sehr nahegekommen, eine Folge der Enttäuschung über die rückläufigen Industriegewinne des ersten Quartals. Hinter den Kulissen ist man in Washington bemüht, den schlechten Eindruck, den diese Tatsache hervorgerufen hat, mit Rücksicht auf die Präsidentenwahl wieder vergessen zu machen. Vorerst wenden sich jedoch die amerikanischen Anleger den deutschen Spitzenwerten zu, die als ungewöhnlich zukunftsträchtig angesehen werden.

Unberührt von der hoffnungsvolleren Tendenz sind bislang die Montane geblieben. Selbst die Ankündigung von Rekordergebnissen in Produktion und Absatz vermag niemand zu Käufen anzuregen. Gemessen an der Kursentwicklung der Chemie- und Elektrowerte war das, was die Aktionäre an den Montanen verdient haben, bescheiden. Wer treu an seinen schwerindustriellen Papieren – an ihre Renaissance glaubend – festgehalten hat, mußte sehen, wie die besseren Chancen bei den anderen Aktien verpaßt wurden. Nur wenig steigende Dividenden, kaum Kapitalerhöhungen (und wenn, dann bei gedrückten Kursen) und keine Zusatzaktien! Auf diese Weise sind die Montane in Mißkredit gekommen. Man wird sich ihrer erinnern, wenn die Substanz in den Börsensälen wieder größer geschrieben wird. Denn was die Gesellschaft in dieser Beziehung angesammelt hat, kann sich durchaus sehen lassen.

Die Spekulation war in den letzten Tagen ungewöhnlich rege. Zwei Papiere standen im Mittelpunkt: Chemie-Verwaltung und die GBAG-Aktien. Gemeinsam ist bei ihnen der Umstand, daß der Bremer Holzkaufmann Krages, einer der erfolgreichsten Aktienhändler der Nachkriegszeit, an beiden Gesellschaften mit kleineren Posten beteiligt ist (oder im Falle von GBAG war?). Da bekannt ist, daß sich die IG-Farben-Nachfolger für die Chemie-Verwaltung interessieren (uneinig ist man nur über den dafür zu zahlenden Preis), tauchen immer wieder Gerüchte auf, daß Krages Verkaufsverhandlungen über sein Paket an der Chemie-Verwaltung führt. Sowohl im Falle GBAG als auch bei Chemie-Verwaltung schweigen die Beteiligten. Aber die Börsenphantasie ist angeregt. Also steigende Kurse bei Chemie-Verwaltung und GBAG. Hier kam es auch zu größeren Umsätzen, was bei den anderen stark erhöhten Spitzenpapieren nicht der Fall ist. Sonderbewegungen gab es bei der Metallgesellschaft, bei NSU und Daimler. Kurt Wendt