Von Josef Müller-Marein

Frei heraus gesagt: Hans Schmidt-Isserstedt ist einer der wenigen ganz großen Dirigenten unserer Zeit. Aber was verführt mich zu diesem „Frei heraus gesagt“? Als ob es Musiker gäbe, die dies nicht wüßten! Es ist wohl die Vermutung, daß viele aus dem Publikum es nicht wissen ...

Man muß den Chefdirigenten des Norddeutschen Rundfunk-Symphonie-Orchesters bei den Proben sehen, etwa wenn Mozart auf dem Programm steht. Der Herr Kapellmeister hat vielleicht einen Pullover an, ganz bestimmt aber ein Halstuch. Nicht, daß er „kurz angebunden“ wäre. Aber er faßt sich kurz. Er weiß alles über Mozart – übrigens das Thema seiner Promotion in der Berliner Universität. Es wäre ihm ein leichtes, intellektuell geschliffene Unterweisungen über die Interpretation Mozartscher Werke zu geben. Er musiziert lieber. Nur knappe Bemerkungen – witzige oft. „Aus der Praxis für die Praxis.“ Hin und wieder deuten einfache Worte Tiefes an. Kein Engländer übertrifft ihn, den Berliner, in der Kunst des Understatement der Untertreibung.

Die Mitglieder eines jeden guten Orchesters werden mißtrauisch, wenn Erklärungen des Kapellmeisters in Vorträge ausarten, gar in akademische Besserwisserei oder orphisch halbdunkle Deutungen (vielleicht noch von jener Sorte, die auf das Genie des Dirigenten anstatt des Komponisten weisen); es ist ihnen hundertmal lieber, wenn sie musizieren, probieren dürfen; sie haben hinterher das befriedigende Gefühl, vorangekommen zu sein und eine gute Arbeit geleistet zu laben – eine Arbeit in völliger Harmonie nicht nur der Instrumente, sondern auch der Temperamente.

Das Gesetz einer Probe, die Schmidt-Isserstedt leitet, ist absolute Sachlichkeit. Aber es stellt sich doch meist schon nach den ersten Minuten etwas wie – Gemütlichkeit ein. Dies Wort nicht im Sinne von Stammtischrunde verstanden, sondern als Kennzeichen eines Zustandes oder einer gemeinsamen Atmosphäre, in der Menschen gerne beieinander sitzen. Tritt Unaufmerksamkeit ein, ist oft ein Witzwort gefällig. (Wie denn Schmidt-Isserstedt auch als Witzemacher ein Meister ist, kein zimperlicher übrigens. Bessere er sich, er ist jetzt sechzig! Aber viel ist da nicht zu hoffen von einem, der einem recht urwüchsigen Viertel Berlins, dem des Friedrichshains, entsproß und dem – gottlob! – Würdeprotzerei kein Ziel ist, aufs innigste zu wünschen!) Im übrigen: Ist die Reihe der Proben beendet, so hat sich dem Orchester eine solche Sicherheit mitgeteilt – es hat sie sich ja selbst erarbeitet! –, daß im Konzert der Dirigent sich zurückhalten darf.

Kein Schnaufen, kein Mähneflattern, keine pathetische Firlefanzerei, kein Wedeln mit zwei Frackschößen. Vornehmlich diese treffsichere, unerhört präzise „Schlagtechnik“ von einiger – nicht zu großer – Eleganz. Andere Dirigenten taumeln gebrochen vom Podium, wie ausgehöhlt von den Augenblicken, da der Titan Beethoven in ihnen tobte und sie zwang, die wildesten Kniebeugen, Zuckungen, Verrenkungen zu verüben. Schmidt-Isserstedt ist nicht nur ungebrochen, er ist frisch nach einem Konzert. Er hat im Konzert, wie vorher in den Proben, mit dem – Kopf gearbeitet.

Im Publikum unterdessen gibt es Menschen, die sich, sobald sie sich Hände und Arme müde applaudiert haben, beim Anstehen vor der Garderobe fragen, ob sie bei Karajan oder Celebidache nicht doch vielleicht mehr auf ihre Kosten gekommen wären ...