Von Dieter E. Zimmer

Dieser Tage erscheint im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, eine Neuauflage der Erzählungen von Henry Miller: „Schwarzer Frühling“ (256 S., 16,– DM).

Seit einem kurzen Besuch im Jahre 1928 war Henry Miller in der vergangenen Woche zum erstenmal wieder in Deutschland. Damals war er gerade seiner amerikanischen Heimat entflohen, vagabundierte in Europa herum – heute sieht er auf eine stattliche Reihe von Romanen, Essays und Reisebüchern zurück, er hat nicht nur ein großes, sondern auch ein loyales Publikum (denn er gehört zu jenen Schriftstellern, die man nicht „goutiert“, sondern liebt, wenn man überhaupt etwas mit ihnen anzufangen weiß). Auch spricht es sich allmählich herum, daß es ein Mißverständnis ist, seine Bücher als anrüchig in die Schublade der Pikanterien zu verstauen. Und doch ist er genau das Gegenteil von dem, was man sich unter einem „arrivierten Autor“ vorstellt. Mit seinem hellen Cordanzug, dem karierten Hemd, dem schmalen, ausdrucksvollen Kopf, den Chinesenaugen und einem leichten, gutmütigverschlagenen Lächeln steht er unter den ihm zu Ehren festlich schwarz gekleideten Schüchternen und Wichtigtuern, Kulturschaffenden und Bewunderern, unter Freunden und Neugierigen: überraschend zierlich von Gestalt, schlicht, kritisch, ganz gelöst und unverstellt. Ein alter Mann; aber alt. nicht etwa, weil er verlebt oder verfallen wäre, sondern weil ein ungewöhnlich intensives Leben, eine exotische Folge merk- und denkwürdiger Erfahrungen diese Züge geformt hat. Der erste und stärkste Eindruck ist der einer großen Güte.

Soll ich ihn sprechen lassen, wie ich ihn während seines Aufenthalts in Hamburg sprechen hörte, wie er mit mir sprach? Ich tue es, obwohl ich fürchten muß, das Wesentliche geht dabei verloren. Im Hintergrund immer: Wein, Whisky, Tellergeklapper, die Gezeiten eines Stimmenmeeres.

„Nein, ich habe nie gesagt, daß ich nicht nach Deutschland kommen würde, weil es zu amerikanisiert ist. Sondern weil Deutschland und Amerika zu viel gemeinsam haben. Ich glaube, man kämpft am heftigsten immer gegen das, was einem am nächsten steht. Amerika und Rußland sind sich in ihren Vorstellungen vom Menschen so ähnlich, und doch sind sie erbitterte Feinde...“

...„Die Engländer, sie haben keine Leidenschaften, sie haben Wasser in den Adern ... Sehen Sie sich ihre Handschrift an – so klein, als wollten sie sich verstecken...“

Wenn Henry Miller begeistert verkündet, daß die Regierungen verschwinden müssen und mit ihnen der ganze „Zivilisationsschutt“, wenn er vom Verzicht spricht, von Bedürfnislosigkeit, Sonne, Nacktheit und Licht und einer glücklichen Anarchie – es wäre nicht schwer, ihn einen Romantiker oder Phantasten zu schelten. Aber man muß unempfindlich sein für die Intensität dieses Mannes, um ihn in dieser Weise kritisch beim Wort zu nehmen. Man muß unempfindlich sein für den großen und starken Strom der Sympathie, der solche Worte trägt – und den Zuhörer (an vielen Stellen auch den Leser seiner Bücher) mitträgt.