Woher kommt die starke Gegenwehr gegen den Bund der sechs Staaten, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft? Sie hat zunächst einen ideologischen Grund: es gibt Neoliberale, deren Ideal die alte Weltwirtschaft ist — die alte englische Weltwirtschaft, die im ersten Weltkrieg erschüttert wurde und in der Kredit- und Währungskrise von 1931 endgültig zusammenbrich. Wer selbst noch aus dem alten Jahrhundert stammt, wird die Sehnsüchte dieser Romantiker verstehen und ehren — es war unendlich angenehm, als man ohne Paß alle europäischen Grenzen überschreiten konnte, als die Goldwährung die kapitalistische Welt verband und fast automatisch zur Einhaltung anständiger Spielregeln des Zahlungsverkehrs, ja der gesamten Wirtschaftspolitik nötigte.

Aber niemand, der die Katastrophe der englischen Weltwirtschaft und die Auflösung des britischen Empire miterlebt hat, kann sich darüber im unklaren sein, daß alle Voraussetzungen für eine Renaissance jener Formen dahingefallen sind. Selbst die Romantiker, soweit sie nicht zu den Ewig Gestrigen gehören, geben zu, daß dieses "Ideal" heute unerreichbar ist. Alsdann rückt meist für sie in die Rolle des "Zweitbesten" die OEEC in Paris — eine Institution, die dank der amerikanischen Marshall Hilfe sich außerordentliche Verdienste erworben hat, die aber in ihrer Vielköpfigkeit nach Erreichung der richtig gesteckten Ziele außerstande ist, darüber hinaus ein trag- und aktionsfähiges Gebilde zu schaffen. Die Gegenwehr kommt zweitens von all de ien, die in überlebten Souveränitätsvorstellungen des 19. Jahrhunderts leben und denken und die rieht sehen oder nicht begreifen wollen, daß ein Festhalten Resteuropas an der Kleinstaaterei jeden Staat für sich — souverän — als leichte, lockende Beute für jede Weltmacht bietet. Auch ihren Standpunkt und ihre Sorge muß man begreifen und würdigen; denn es wird kostbares Gut aufgegeben, wenn die Selbständigkeit der kleinen Gemeinschaften nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Es gibt jedoch geschichtliche Konstellationen, in denen politische oder gesellschaftliche, wirtschaftliche öder technische Gründe die Anlehnung oder den Zusammenschluß unausweichlich machen, gerade wenn man die Eigenständigkeit bewahren will.

Solch ein Punkt war im 19. Jahrhundert erreicht, als die Schweiz, Italien, Deutschland sich formierten, und solch ein Punkt ist jetzt wieder gegeben, nachdem selbst die Großmächte des 19. Jahrhunderts nur noch einem Phantom der vollen Souveränität nachjagen. Die Gegnerschaft gegen eine supranationale Ordnung ist daher heute nicht klüger und nicht aussichtsreicher, als es früher einmal die Gegnerschaft gegen eine nationale Ordnung gewesen ist.

Die stärkste Gegenwehr aber kam bekanntlich von Großbritannien. Sie war wohl zum guten Teil Ausfluß einer einstmals politisch begreiflichen, heute veralteten und sinnlos gewordenen Kontinentalpolitik, die um der eigenen Weltstellung willen jede Entwicklung einer starken Kontinentalmacht (gleichviel ob Frankreich, ob Deutschland) zu verhindern suchte und jetzt noch nicht begriffen hat, daß für die Ära der Atomwaffen und der Raketengeschosse andere Gesetze gelten und andere Gefahren drehen. In den Denkwürdigkeiten von Sir Anthony Eden ("Füll Circle") liegt ein erschütterndes Dokument vor, das die Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit für einen Abkömmling der alten gentry zeigt, sich mit der veränderten Situation Großbritanniens im ausgehenden 20. Jahrhundert abzufinden und die radikale Kehrtwendung gerade in der europäischen Politik zu vollziehen, die sich aufdrängt.

Es war bemühend, in Paris zu erleben, wie die britische Diplomatie mit allen Mitteln Frankreich zum Nichteintritt zur kerneuropäischen Zollallianz zu bestimmen und dadurch die Wirtschaftsgemeinschaft im Keim zu ersticken gesucht hat. Nur, da dies nicht gelang, hat die britische Politik gewohnt, Tatsachen als solche in Rechnung zu stellen — die Kleine Freihandelszone (EFTA) zustande gebracht, eine sehr heterogene Vereinigung von neutralen Europäern, Randeuropäern und "halben Europäern" ("Halbe Europäer" — so hat jüngst ein englischer Propagandist auf seiner Redetournee durch die Bundesrepublik seine Landsleute genannt.

Derart gewinnt es leicht den Anschein, als sei die "Kleine Freibandeiszone", die in diesem Jahre neben die kontinentale Zollunion treten wird, nichts anderes als ein Abwehr- und Kampfgebilde von Staaten, die sich ausgeschlossen, die sich "diskriminiert" fühlen — eine reaktionäre unheilige Allianz. Ich halte diese Betrachtungsweise für falsch. Selbst wenn bei einigen Vätern der Freihandelszone die Auffassung geherrscht hat, daß sie eine kämpferische Antwort auf Kerneuropa darstellt, so wird sich sehr bald ergeben, daß ihr Nutzen für einen Teil der Beteiligten sehr fragwürdig ist, daß aber für Kerneurooa nichts Förderliches hat geschehen können als die Formierung dieses zweiten, anders konstruierten Gebildes. Dies aus mehreren Gründen: 1. In der Freihandelszone wird sich zeigen, ob tatsächlich und auf Dauer ein solches Handelsgebilde ohne übernationale Institutionen und ohne willentliche Aufgabe antiquierter Souveränitätsrechte lebens- und aktionsfähig ist. Es klingt sehr schön, daß ein Ministerrat hier als einzige "Institution" und federführend ein Sekretariat in Genf vorgesehen ist. Solange gutes Wetter herrscht, mag das ausreichen. Wie aber, wenn irgendwelche Krisenzeichen am Horizont auftauchen? 2. Die Freihandelszone wird den praktischen Beweis dafür erbringen, ob und wie lange Großbritannien die Präferenzen des Commonwealth und die Vorteile eines Zollverbatides mit einigen kontinentalen Kleinstaaten genießen kann. Und sie wird sehr schnell lehren, ob kleine Teilhaber besser im Verband mit einer halbeuropäischen Großmacht als im Bund mit mehreren ganzeuropäischen Mittel- und Kleinstaaten gedeihen. 3. Die Freihandelszone wird möglicherweise — und hoffentlich — dazu führen, daß in Großbritannien selbst die Zahl derer zunimmt, welche die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Änderung der britischen Politik erkennen. Auf dem Kontinent wird es niemanden geben, der es nicht dankbar als Zuwachs und Stärkung empfinden wird, wenn die britischen Inseln sich zugleich ihrer Zugehörigkeit zum Festland, ihrer Verantwortung für den Rest des Commonwealth und ihrer Verbundenheit mit den Vereinigten Staaten bewußt werden. Gerade Kerneuropa muß jede planmäßige Entwicklung der Interdependenz des Commonwealth warm begrüßen. Denn sie am ehesten dürfte verhindern, daß auch bei den ;agrarischen Mitgliedern des Commonwealth (zum Beispiel Neuseeland) die gleiche törichte Tendenz zum Industriestaat die Oberhand gewinnt, welche jetzt in den selbständig gewordenen Territorien dominiert.

4. Weitaus die wichtigste Funktion der Kleinen Freihandelszone dürfte darin liegen, daß schon ihre bloße Existenz dem falschen Diskriminierungsgerede den Garaus machen und daß sie zum ändern Male — genauso wie im 19. Jahrhundert die verschiedenen Zollvereine — Beweis dafür erbringen kann, daß verschiedene Zollunionen nebeneinander bestehen können, ohne jemals Kampfmaßnahmen gegeneinander zu ergreifen.