Lar, die Hauptstadt der Provinz Laristan im Süden Persiens, wurde in der vorigen Woche durch mehrere Erdstöße zerstört. Nach der Katastrophe von Agadir machten einige Wissenschaftler die überraschende Feststellung, daß seit Anfang dieses Jahres jedesmal bei Neumond irgendwo auf der Welt ein Erdbeben zu verzeichnen war. Auch diesmal, beim letzten Neumond, wurde diese vermutete Beziehung zwischen Mond und Erdbeben neu bestätigt.

Man wird nie wissen, wie viele der ungefähr 20 000 Einwohner von Lar ums Leben gekommen sind. In jenen wilden Gegenden Persiens gibt es keine Statistiken, und es wird kaum jemand auf die Idee kommen, jede Familie nach ihren Opfern zu fragen.

Als ich zwei Tage nach den ersten und stärksten Erdstößen in Lar ankam, sagte mir der Chefarzt des Krankenhauses, 700 Menschen seien getötet worden, ein Offizier nannte die Zahl 2000; die Einwohner von Lar sprachen von 1500 Opfern und ein Regierungsbeamter von 500. Viele Tote und Verletzte werden für immer ungezählt unter den Trümmern der Stadt liegenbleiben, denn niemand hat den Mut, nach Überlebenden zu suchen oder die Toten zu bergen. Immer wieder erschütterten in den folgenden Tagen neue Erdstöße die Stadt. Es wäre Selbstmord, sich an die noch stehenden, rissigen Mauern heranzuwagen.

Wer heute in Lar noch lebt, haust in primitiv improvisierten Zelten auf großen Plätzen oder außerhalb der Stadt, wo es keine Einsturzgefahr gibt, und bereitet sich auf den Abtransport vor. Lar wird für die nächsten Jahre unbewohnbar sein. Schon jetzt hängt der Leichengeruch in der tropischen Luft. Die Brunnen sind eingestürzt. Regen gibt es nur wenige Tage im Jahr.

Die internationale Hilfsaktion hat bereits zur Evakuierung der Überlebenden mehrere hunderttausend Dollar zur Verfügung gestellt. Wenn man den Laristani davon erzählt, geht ein ungläubiges Lächeln über ihr Gesicht. „Als wir hier wohnten und Hungers starben, kümmerte sich keiner um uns. Es bedurfte einer Katastrophe, um uns endlich eine Zukunft zu versprechen. Denn hier gilt einer als wohlhabend, wenn er mehr als 500 DM im Monat verdient.“

Text und Aufnahmen: Gordian Troeller