Die Aktionäre der Deutschen Bank AG sind offenbar konservative Leute. Durch gefühlsbetonte Reden lassen sie sich nicht aus der Ruhe’ bringen, sondern überlegen sich sehr wohl, was für sie auf die Dauer besser ist, einmalige, hohe Ausschüttungen oder in guten Jahren ein Anreichern der Rücklagen. In der Hauptversammlung sprachen sich die meisten Diskussionsredner für eine Rücklagenstärkung aus, was, wenn man 16 v. H. Dividende erhält, nicht als ein besonders schweres Opfer gewertet werden kann. Damit aber erhielt auch ein – im Grunde zu bemitleidender – Darmstädter Kleinaktionär auf seine Oppositions-Ankündigung eine klare Antwort. Bei der Abstimmung über die Feststellung der Bilanz vermochte so auch der Darmstädter Aktionär nicht einmal ein halbes Prozent der anwesenden Stimmen hinter sich zu bringen.

Der Opponent wollte aber nicht nur Schwierigkeiten bei der Bilanzfeststellung machen, sondern er wollte vor allem wissen, welche Bezüge im einzelnen die Mitglieder des Vorstandes erhielten. Dabei argumentierte er nicht etwa gegen bestimmte Personen, bei denen er vermutete, daß ihre Bezüge zu hoch sind, sondern er wandte sich praktisch gegen ein wesentliches Merkmal unserer Wirtschaftsordnung, d. h. gegen die Existenz von Kaufleuten, die sich ihre Leistungen bezahlen lassen. Der Sprecher des Vorstandes, Hermann J. Abs, parierte diesen Angriff in der einzig wirkungsvollen Weise, nämlich durch volle Offenheit. Er gab präzise Antworten und betonte damit gegenüber jedem, der es hören wollte, daß die Verwaltung nichts zu verschweigen und nichts zu verbergen hat, und daß sie keineswegs daran denkt, ihr persönlich unangenehme Fragen etwa durch die Routine des Versammlungsleiters unbeantwortet zu lassen.

Kritische Worte, die allerdings nicht Meinungen, sondern Argumente formulierten, fand auch die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Sie nahm die Gelegenheit der Hauptversammlung der Deutschen Bank zum Anlaß, um zu der vieldiskutierten Frage des Depotstimmrechtes ihre Meinung vorzutragen. Die Deutsche Bank schien ihr offenbar hierfür besonders geeignet, da sie über die größte Zahl von Depotstimmen verfügt, und die ihr damit zugewachsene Macht zu nutzen versteht. Diese Macht äußerst sich vor al’em darin, daß sie die Türen zu den Aufsichtsräten großer Kapitalgesellschaften erschließt. So hat die Deutsche Bank 430 Mandate in Aufsichtsräten (a. ä.) anderer Gesellschaften inne. Darunter befinden sich nach den Berichten der Schutzverenigung Mandate in 190 börsennotierten Aktiengesellschaften, die etwa 55 v. H. des ausgewiesenen Aktienkapitals aller an den deutschen Börsen notierten Aktiengesellschaften repräsentieren. 156 dieser Mandate sind auf zehn Herren des Vorstandes konzentriert. Das bedeutet naturgemäß eine erhebliche Machtzusammenballung.

Die Deutsche Schutzvereinigung betonte, sie sei sich darüber im klaren, daß ohne das Depotstimmrecht nicht auszukommen ist, solange keine andere befriedigende Lösung gefunden werde. Niemand kann behaupten, daß dies bereits der Fall ist. Trotzdem ist ein gewisses Mißbehagen in der Öffentlichkeit nicht zu verkennen. Es hat in dem Gesetzesentwurf für die Reprivatisierung des Volkswagenwerkes seinen Niederschlag gefunden. Für diesen mag sich allerdings niemand zu begeistern, weil er den Aktionären praktisch alle Gestaltungsrechte nimmt, um sie beim Staat, dem heutigen Eigentümer, zu belassen. So geht es nicht. Deshalb spricht sich die Schutzvereinigung für eine Kultivierung des Depotstimmrechtes aus. Sie meint zum Beispiel, daß es den Banken möglich sein müßte, für die Wahl von Minderheitsvertretern in den Aufsichtsräten der Publikumsgesellschaften zu sorgen, vor allem aber kommt es der Wertpapiervereinigung darauf an, daß die Banken sich als Mittler zwischen Aktionären und Verwaltung fühlen und nach Lösungen suchen, die sowohl dem unternehmerischen und des Aktionärinteresses gerecht werden. Der Redner der Schutzvereinigung wies in diesem Zusammenhang auf den hohen Bezugskurs bei den jungen BASF-Aktien hin, den die Aktionäre damals für sich als gar nicht günstig empfunden haben. In solchen Fällen ausgleichend zwischen divergierenden Interessen zu wirken, wäre die Aufgabe eines Bankenvertreters, der sein Mandat nicht zuletzt dem Depotstimmrecht verdankt.

Zu einer Diskussion über diese zweifellos interessanten Ausführungen eines Kritikers an der Deutschen Bank ist es nicht gekommen. Abs sagte jedoch zu, daß die Deutsche Bank noch antworten werde. Das ist gut so. Eine Lösung in der sehr schwierigen Frage des Depotstimmrechtes, bei der bis jetzt kompromißlos Meinung gegen Meinung steht, läßt sich nur in einer Diskussion finden, in der versucht wird, tragfähige Brücken zu schlagen.

Aber zurück zur Hauptversammlung der Deutschen Bank. Sie hat gezeigt, daß wir es allmählich lernen, derartige Veranstaltungen zu echten Auseinandersetzungen zu gestalten. Was nützen alle wohlerwogenen Argumente, und auch der meist notwendige Schuß an Demagogie, wenn alle Reden am Schweigen und an der Routine der hinter dem Vorstandstisch sitzenden Männer abprallt? Und was nützt umgekehrt der gute Wille der Verwaltung zur sachlichen Auseinandersetzung, wenn die Hauptversammlung nicht aus alteingeschlagenen Kreisen herauskommt? Das war diesmal – nicht zuletzt dank der Geschicklichkeit des Vorstandsvorsitzenden – anders. Es wurde wirklich etwas von Abs gesagt. Es war eine Hauptversammlung, die nicht langweilig, aber auch nicht unfruchtbar war. W. Ringleb